„Was brauche ich eigentlich, um glücklich zu sein?“ Ich stehe, wie an jeden Morgen, vor dem Spiegel und stelle mir mit nassen Haaren stumm diese Frage. Der Nebel hüllt mich ein und während ich so da stehe mischen sich bereits ToDos in die Gedanken ein. Sie erleichtern mir das Denken, zugegeben – vielleicht sind sie auch eine Art Flucht? Aufgaben geben dem Leben einen Rahmen, irgendwie. Doch ist dieser Rahmen das, was uns glücklich macht? Ich beuge mich vorne über und rubble mir die Haare mit dem Handtuch trocken. Der Tag wird lang, zunächst stehen einige organisatorische Dinge an, dann Calls und Abends geht es noch zum Sport. Leistungsträger nennt man mich wohl, immer stark und fit sein, körperlich wie geistig.

Finde die Balance im Leben!
Alltag
Ja, ich liebe meinen Job. Würde ich das Thema Marketing nicht so voller Leidenschaft ausüben, würde ich wohl auch nicht Bloggen. Ich liebe es, zu organisieren, mit Menschen zusammen Ideen zu schmieden, zu schreiben, Strategien zu entwerfen, Entscheidungen zu treffen, und ja, ich liebe sogar Verhandlungen. Ich liebe diese Dinge und zeitgleich fühle ich mich von ihnen gesteuert, vom Erfolg gedrängt, noch mehr Kontakte, noch mehr Leads, bessere Veranstaltungen zu finden, noch bessere Texte zu schreiben, das Budget gnadenlos scharf zu kalkulieren und keine Fehler zu machen. Von Jahr zu Jahr wächst der Druck, noch mehr zu leisten, schneller zu sein, besser zu sein und die eigene Entwicklung nicht außer Acht zu lassen, denn du wirst nicht jünger, Bianca – die Technik bleibt nicht stehen und die Welt natürlich auch nicht. Und dann, sobald der Wecker klingelt, dreht sich das Rad im Kopf – wieder mal.
Besitzlos
Ich will Zeitmillionär werden. Unendlich viel Zeit für unendlich viele Dinge haben. Dinge, die auch von kurzer Dauer sind und nicht unbedingt zusammen gehören. Ich will Zeit zum Ausprobieren, zum Fehler machen, um dann aus jenen zu lernen und dabei sogar erfolgreich sein. Etwas schaffen und aufbauen, Menschen begeistern und mitreißen. Zum Ausruhen möchte ich Zeit, um Abends auf der Couch ein Hörspiel zu hören, am Mittag einfach zu wandern, zu paddeln, zu reiten oder zum Fliegen zu gehen – wie mir eben ist.
Doch ist das Leben nicht so. Die Gesellschaft verlangt nach Leistung, denn jeder leistet, also musst auch du dich zu fügen. Zu sehr sind wir damit beschäftigt, Geld zu verdienen, Material anzuschaffen, zu konsumieren und für das Alter vorzusorgen, und dann in Rente – endlich – die Zeit zu haben, zu tun und zu lassen was wir wollen – wenn wir es nicht mehr nur wollen, weil wir es nicht mehr können. Wie verrückt ist die Gesellschaft, zu denken, dass mehr Besitz auch gleich mehr Freiheit bedeutet? Etwa mehr Freiheit, um diesen Besitz zu pflegen? Oder mehr Freiheit, um um diesen Besitz zu bangen? Mit unserem Geld schaffen wir Angst und Muss-Zeit – Zeit, die wir fremdbestimmt vergeuden, da wir Angst haben, dass unser Besitz eines Tages nichts mehr wert ist. Ist das nicht krank? Gar irre? Und was wäre, wenn ich einfach gar nichts besäße?
Ausbruch
Ich will da raus und je mehr ich darüber nachdenke, umso drängender wird der Gedanke. Man mag denken, der jetzige Weg sei verkehrt – zumindest genieße ich 3-tägige Wochenenden und das schon über zwei Jahre. Immerhin. Doch so schön es auch klingt, so kurios ist diese Tatsache: mich engt der eine Tag in der Woche mehr ein als er befreit. „Ernsthaft?“ Fragt Ihr Euch. Ja. Denn was aus den 52 zusätzlich freien Tagen im Jahr wurde, sind neue Projekte, neue Leidenschaften und neue Gedanken, die sich geformt haben und nun frei sein, sich entwickeln und sich ausprobieren wollen. Wer mal eine Katze zum Freigänger machte, wird wissen, was das bedeutet: sie wird nie mehr Hauskatze sein. Hatte ich das bei mir erwartet? Nein. Und ein Zurück gibt´s jetzt nicht mehr. Nie mehr ein Hauskatzen-Dasein.
Angst
Ich habe die Nase gestrichen voll immer nur tun zu müssen. Einen Scheiß muss ich. Ja, es klingt wütend. Doch ist es auch Verzweiflung. Verzweiflung über die eigene Unfähigkeit, Mutlosigkeit und Angst. Ich will einen Ausbruch und habe keine Ahnung, wie es hinter den Mauern aussieht. Ich will springen und habe Angst, mir weh zu tun. Ich fühle mich hilflos, eingesperrt und gefangen unter einer Kuppel, dessen Dach mir immer näher und näher kommt – erdrückend. Zeit ist unser wertvollstes Gut – ist sie einmal vergeudet, kommt sie nicht mehr wieder. Nie mehr. Sie ist einfach weg und für immer verloren. Und trotzdem hechten wir besessen dem Konsum entgegen, stehlen uns dabei die Zeit und tauschen sie gegen Besitz, der uns nur noch mehr Zeit stiehlt. Wahnsinn.
Träume
Ich steige mit nassen Haaren ins Auto, zum Föhnen ist keine mehr Zeit geblieben. Die Küche verlasse ich dafür wenigstens aufgeräumt und die Fahrt ins Büro wird, wie so oft, für Erledigungen genutzt. Eine knappe Stunde später werfe ich den Laptop an und bereite den nächsten Call vor. Die Sonne scheint durch mein Fenster und wenn ich den Hals lang mache und durch es hinausblicke, lässt sich oberhalb des gegenüber stehenden Hochhauses der blaue Himmel erahnen. Ich schließe die Augen. Bin für den Augenblick ganz bei mir. Dann fahre ich den Laptop wieder runter, packe meine Sachen und gehe. Für immer…
„Guten Morgen!“ mein fröhlich-winkender Kollege reißt mich aus dem Tagtraum und ich bin für kurze Zeit orientierungslos. Ich grüße, wie jeden Tag, freundlich zurück und tue das, was ich tun muss. So wie immer.
„Was brauchst Du eigentlich, um glücklich zu sein?“ frage ich in den Spiegel, am nächsten Morgen mit nassen Haaren – und blicke dabei in ein leeres Gesicht.
Hallo Bianca,
Ein großartiger Artikel.
„Verzweiflung über die eigene Unfähigkeit, Mutlosigkeit und Angst. Ich will einen Ausbruch und habe keine Ahnung, wie es hinter den Mauern aussieht. Ich will springen und habe Angst, mir weh zu tun. Ich fühle mich hilflos, eingesperrt und gefangen unter einer Kuppel, dessen Dach mir immer näher und näher kommt – erdrückend. Zeit ist unser wertvollstes Gut – ist sie einmal vergeudet, kommt sie nicht mehr wieder. Nie mehr. “
Ich kenne dieses Gefühl. Du hast das Gefühl handeln zu müssen um endlich auszubrechen, aber dir fehlt der Mut für den entscheidenden Schritt. Zeitgleich wird dreht sich um dich alles immer schneller und die willst dieses „Höher, schneller, weiter…“ Spiel nicht mehr mit machen und trotzdem gehöht es irgendwie mit zu deinem Alltag. Du stehst zwischen den Welten, obwohl du genau weisst aus welcher Welt du ausbrechen willst.
Sorry für die Flüchtigkeitsfehler. Habe zu eilig getippt weil mir 1000 Gedanken dazu durch den Kopf geschossen sind.
Danke für Deinen Zuspruch, Daniel. Ich habe überlegt, ob ich diese Gedanken überhaupt veröffentlichen soll, da sie sehr persönlich sind. Doch ich freue mich noch mehr, wenn sich Menschen wie Du darin wiedererkennen und sich einerseits selbst dazu Gedanken machen und mir andererseits zeigen, dass ich damit nicht allein bin. Danke dafür ?
Ich bin aus dem Spiel zu etwa 80% ausgestiegen. Das war eigentlich gar nicht so schwer. Ich habe mir angeschaut, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe. Ich habe keine Karriere, aber einen sicheren Job, die Arbeit ist ok, das Einkommen reicht fürs Leben und meine Hobbies, ich habe eine nette, nicht sehr teure Wohnung, ein kleines Auto,… aber das Wichtigste: ich habe tolle Freunde! Damit, hat ich festgestellt, kann ich absolut zufrieden sein. Ich brauche für mein persönliches Glück keine außergeöhnliche Situation, imir reicht das Mittelmaß. Mehr möchte ich gar nicht haben. Ich führe ein gutes Leben und bin dankbar dafür 🙂
Klar, hier und da würde ich gern noch etwas optimieren, aber daran arbeite ich in kleinen Schritten, das eilt nicht.
Hallo Sonja,
danke für Deine Gedanken 🙂 80 % Ausstieg ist schon eine ganze Menge! Tolle Freunde und ein bescheidenes Leben sind enorm viel Wert. Klasse, dass Du Deinen Weg gefunden hast <3
LG Bianca
Liebe Bianca,
ich bin vergleichsweise erst sehr kurz im Berufsalltag und auch ich liebe meinen Job, das sei vorweg geschickt. Trotzdem habe ich ab und an ein ähnliches Gefühl, ähnliche Gedanken. Ab und an kommt ein „Was mache ich hier eigentlich“ bei mir durch. Ich will mehr Zeit, viel mehr Zeit, das zu tun, was ich gerne möchte. Draußen sein, Wandern, Dinge erleben und schreiben. Und gleichzeitig habe ich so viele Pläne und Ideen, dass ich manchmal nicht weiß, wohin damit und wo anfangen. Und zack, vor lauter Pläne schmieden und Ideen sammeln ist schon wieder eine Woche rum. Und dann gibt es diese Tage und Wochen, da weiß ich: Das ist es, hier bin ich jetzt gerade richtig! Da weiß ich wieder, warum ich das alles tue.
Schön und mutig, dass Du diese Gedanken mit uns teilst, vielen Dank! Ich glaube, wir sind da nicht allein mit. ?
Liebe Grüße
Cora
Hallo Cora,
es tut wirklich gut, zu wissen, nicht allein zu sein <3 Und ja, diese Augenblicke, in denen ich mir auf die Schulter klopfe und sage "alles prima so!", die gibt es auch bei mir. Zum Glück 🙂 Ich bin gespannt, wohin Dich Deine Reise bringt - letztendlich ist das ganze Leben eine einzige Entwicklung <3
LG Bianca
Hi Bianca,
klasse Artikel! Und was wäre, wenn du gar nichts mehr besitzen würdest? Probier es aus 😉
Ich zumindest finde die Geschichten der Menschen super spannend, die ihren ganz eigenen Geld-Zeit-Rhythmus haben. Die so viel Geld sparen, um eine Weile nur das zu tun, worauf sie Lust haben und dann wieder Geld verdienen, wenn sie wieder ihre Spardose für die nächsten Abenteuer anfüttern wollen usw.
Ich selbst habe das in der Art auch noch nicht ausprobiert, doch bringt dieser Entwurf deutlich mehr Zeit und vor allem Fokus auf das, was wichtig ist. Wer so lebt, der braucht keinen Coffee to go oder sonstige Konsum-Kompensation seines Lebens voller Zwänge. Da kann dann vor lauter bescheidenem Leben eine Weltreise mal statt geplanter 1,5 Jahre plötzlich 3,5 Jahre dauern, wie bei Dylan Wickrama, den ich kürzlich zu seiner sensationellen Geschichte interviewen durfte: https://reisezutaten.de/interview-dylan-wickrama/
Ich persönlich habe mir den Satz „Es gibt keine Sicherheit und ich weiß nicht, was morgen passiert“ ganz fest ins Gedächtnis tätowiert. Unter diesem Gesichtspunkt fallen mir unbequeme (radikale) Entscheidungen viel leichter als früher.
Liebe Grüße
Mischa
Liebe Bianca,
deine Gedanken kenne ich sehr gut, mehr noch, ich weiß aus Erfahrung, dass kein bzw. wenig Besitz frei macht. Gerade weil man nichts besitzt, kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren: auf das Leben. Ich habe erfahren, dass man ohne Besitz reich wird, reich an inneren Werten, reich an wertvollen Gedanken und kostbaren Gefühlen.
Wir müssen keine Zeitmillionäre sein, Es genügt, wenn wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden mit Dingen die uns ausbremsen sowie mit Gedanken und Menschen die uns nicht gut tun. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit uns plötzlich zur Verfügung steht, um uns mit dem real stattfindenden Leben zu beschäftigen.
Danke für diesen Blogartikel.
Liebe Grüße
Daniela
Ich stimme dir da absolut zu!
http://www.pooly.net/meine-weg-zum-minimalismus/
Hallo Bianca,
Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Zeit ist für mich auch das höchste Gut. Ich messe auch Reichtum nicht in Geld sondern in Zeit, die ich selbst so gestalten kann wie ich möchte, ohne dabei anderen Rechenschaft ablegen zu müssen. Denn wahrhaft reich ist derjenige, der Herr über seine Zeit ist.
Beste Grüsse,
Mike