Wer das Reiten heute noch in einer herkömmlichen Reitschule lernt, kann nicht nachvollziehen, dass man auch von Pferden lernen kann. Auch sind die Vorstellungen von Menschen, die keinen Bezug zu den Tieren haben, immer noch sehr traditionell. Wie man sie eben kennt: Pferde in Boxen, oft zugeschnürt und mit teilweise scharfen Gebissen und Sporen versehen, zu Höchstleistungen im Sport mit Gerten geschlagen und getrieben. Das Schlimmste ist dabei, dass sich „Nichtwissende“ an diese Bilder so sehr gewöhnt haben und sie damit für normal und legitim gelten. Auch für mich war es lange Zeit so – bis zu dem Tag, an dem ich mir vornahm, Pferde verstehen zu wollen.
Wie es dazu kam
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In meiner Kindheit wollte ich immer schon reiten lernen und durfte dies auch einmal in der Woche in einer Reitschule auf Islandpferden. Es war eine Schule wie jede andere auch: Die Schulpferde hatten teilweise ihre Macken, waren abgestumpft, reagierten kaum auf Reithilfen und bissen manchmal auch, wenn man sie putzte. Der Unterricht fand oft nur in der Reithalle statt und war getrieben von der Perfektion der Reitfiguren. Es war viel Frust dabei, denn wer nicht perfekt ritt, bekam entweder schlechtes Feedback oder das Tier wurde solange gejagt oder geschlagen, bis es parierte. Und trotzdem: Die Faszination den Pferden gegenüber lies mich immer wieder gerne dorthin gehen – ich kannte es ja nicht anders! Bis zu dem Tag, an dem ich mich Schrecken zusehen musste, wie ein Pferd verprügelt wurde, weil es Angst hatte, als ein Traktor hinter es entlang fuhr. Das war zuviel für meine Kinderseele und ich ging dort nicht mehr hin. Irgendwann habe ich ganz mit dem Reiten aufgehört, da es nirgends einen Stall zu geben schien, der mir ein gutes und glückliches Gefühl gab. Doch alte Liebe rostet nicht: Zwanzig Jahre später wagte ich einen Neuanfang und kam so zum Natural Horsemanship.
Was Natural Horsemanship ist
Pferdeflüstern, würden „Nichtwissende“ Horsemanship bezeichnen und sich vielleicht an den Hollywoodstreifen Der Pferdeflüsterer erinnern oder an Die Pferdeprofis, die mittlerweile im Fernsehen zeigen, dass Horsemanship keine Zauberei ist. Bei mir kam lange Zeit der Gedanke gar nicht auf, dass jeder mit Pferden kommunizieren kann, ohne dabei ne esoterische Klatsche zu haben. So erfuhr ich nach zwanzig Jahren vom „Nichtvorhandensein des Schmerzschreis“ – was mich mit der Zeit lehrte, die stets stummen Pferde zu lesen. Das alleine ist schon faszinierend, doch wird es noch viel besser, wenn man sich selbst, durch Stimme und Körperhaltung, den Pferden mitteilen kann und darauf Reaktionen bekommt, die man wiederum interpretieren kann.

Mika vertraut auch einem fremden Menschen wie mir sehr. Dass er liegen bleibt ist ungewöhnlich für ein Fluchttier.
Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass nur die Pferde von uns lernen können. In der Therapie werden sie häufig eingesetzt, um verhaltensauffälligen Kindern zu helfen. Auch das nehmen wir oft als so gegeben hin und hinterfragen als „Nichtwissende“ bzw. „Nichtbeteiligte“ gar nicht, warum es ausgerechnet Pferde sind, die so beliebt für Therapien sind. Die Antwort ist recht einfach: Weil Pferde unsere Empfindungen sehr klar spiegeln. Und sie können das, weil sie von unterschiedlichen Instinkten geleitet werden, die, kennt man sie, zu einem respektvollen Miteinander führen können. Da Kinder sehr unbedarft und sich oft vertrauensvoll den Pferden nähern, bekommen sie dieses Verhalten auch zurückgespiegelt. Und ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, Pferde können jedem gut tun – denn wer bescheinigt uns, ob wir verhaltensauffällig oder „normal“ sind?

Ein Therapiepferd ist sehr geduldig, gerade auch bei Kindern
Was uns die Pferde lehren
Was uns die Pferde lehren können sind Verstehen, Verantwortung und Achtsamkeit. Drei Eigenschaften, die nicht nur zwischen Mensch und Tier, sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig sind. Sie sind der Schlüssel für Fainess und Respekt, was am Ende immer dazu führt, dem anderen zu vertrauen.
Übrigens: Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Pferd nicht stimmt, werden Pferde gerne als Problempferde bezeichnet. Ich erlebe jedoch häufiger, dass nicht das Pferd das eigentliche Problem ist. Viele Horsemanship-TrainerInnen stimmen da zu und erwähnen nur allzu häufig, dass sie eigentlich Pferden mit Problemmenschen helfen…
Liebe Bianca,
jetzt bin ich doch bei diesem Artikel hängen geblieben. 🙂 Ich bin immer wieder erschrocken darüber, wie viel Leute in diesen typischen Reitschulen das Reiten und den Umgang mit Pferden (nicht ) gelernt haben. Gleichzeitig stelle ich dabei fest, was für ein Glück ich hatte, dass ich als Kind in einer eher unkonventionellen Reitschule gelandet bin, die auch therapeutisches Reiten angeboten hat. Mein bester Lehrer war aber immer noch mein kleiner Welsh Cob-Hengst, auf dem ich 5 Jahre eine Reitbeteiligung hatte 🙂
Umso schöner ist es doch, dass Du auch für Dich einen anderen Weg gefunden hast. Mit Horsemanship habe ich mich selber ja auch erst im letzten Jahr angefangen zu beschäftigen und dabei schon wahnsinnig viel gelernt.
Viele Grüße
Saskia
Vielen Dank für Deine Worte, Saskia 🙂 Ich hoffe ja sehr, dass sich der Trend zum besseren Verständnis mit den Pferden so positiv weiter entwickelt. Wichtig finde ich, dass überhaupt mal ein Umdenken stattfindet. Wer nichts anderes als die typischen Reitschulen kennt, weiß es ja meist nicht besser und denkt gar nicht darüber nach, ob das überhaupt alles richtig ist. Dadurch, dass wir zeigen, dass es eben nicht normal ist, Pferde in Boxen zu stellen, ihnen Sozialkontakte zu verwehren, nur 3 Mal am Tag zu füttern und mit Gewalt Dinge zu erzwingen wird sich hoffentlich in einigen Köpfen etwas ändern 🙂
Ganz bestimmt! 🙂
Das Pferd lehrt uns vieles, wie wir eigentlich zusammenleben müssen. Eben deswegen möchte ich meine Tochter auch reiten lehren lassen. Ich befürchte das einzige, wenn das Pferd sein Nein sagt, wie es der Fall mit der Freundin war: Beinbruch, offene Fraktur. Zuerst muss die gemeinsame Sprache gefunden werden!