Der Wecker bellt um 5:45 Uhr. Es ist ein Freitag und dazu noch mein freier Tag. Was habe ich mir dabei gedacht, mich so früh schon für eine Kanutour zu verabreden? Um sieben Uhr ist Treffpunkt in Habkirchen, knapp 13 km von meinem Zuhause. Doch aufzustehen fällt leichter als gedacht, die Vorfreude auf das kleine Abenteuer überwiegt die Müdigkeit und erinnert an nächtliche Reiseaufbrüche in meiner Kindheit. An Schlaf ist also sowieso nicht mehr zu denken, höchstens noch an einen starken Kaffee und einer heißen Dusche, die der Müdigkeit den letzten Stoß versetzen. Auf zur Kanuwanderung auf der Blies, entlang der deutsch-französischen Grenze!

Saarland im Wasser: Kanuwanderung auf der Blies
Kurz vor sieben parkte ich den Wagen an der verabredeten Stelle im beschaulichen Örtchen Habkirchen und wartete auf meinen Begleiter. Wir kennen uns seit meinem Ruderschnupperkurs von vor guten zwei Jahren und haben seitdem schon immer die Idee gesponnen, mal gemeinsam auf Paddeltour zu gehen. Am Freitag war es dann so weit und auch der Kurs stand fest: Es soll von Reinheim über die Blies der Strömung nach zurück nach Habkirchen gehen, ein rund 8 Kilometer langer Wasserweg in vollendeter Natur und mit historischer, deutsch-französischer Geschichte. Mein Begleiter ist zudem Professor am Umweltkampus in Trier und somit so ganz nebenbei ein ortskundiger und sehr guter Informant, der bestens über die Historie der Region und natürlich auch über die teils seltenen Tier- und Pflanzenwelt im Biosphären-Reservat Bescheid weiß. Apropos Tier- und Pflanzenwelt:
Wo genau bin ich eigentlich und was bedeutet Biosphären-Reservat?
Beitragsinhalt
Seit einem knappen Jahr lebe ich inmitten einer ganz besonderen saarländischen Region, dessen Landschaft durch weit schwingende, sanfte Hügel gekennzeichnet ist. Der Bliesgau ist durch eine jahrtausendelange Nutzung von Menschen geprägt und stellt als Kulturlandschaft den Lebensraum für zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten dar. Im ganz südwestdeutschen Raum verfügen wir hier über die größte Dichte an bedrohten Arten und Lebensraumtypen und ist für Naturliebhaber und Frischluftfanatiker wie geschaffen für jede Form von sportlichen Ausflügen.
Der Einstieg bei Reinheim
Wir ließen mein Auto am Treffpunkt stehen und fuhren mit dem anderen Wagen nach Reinheim zur Kanuanlegestelle. Wir haben ein aufblasbares Kanu an Bord, in das wir bei Ankunft zunächst mächtig Luft pumpen müssen und dafür gleich zwei Luftpumpen hatten. Dann ein kurzer Check, ob unser Kanu auch wirklich wassertauglich war und dann ging´s auch schon ins Wasser, gleich rein in die Stromschnelle, noch kurz vor der Brücke.

Festigkeitstest des aufblasbaren Kanus 🙂
Die Stromschnelle überwinden wir mit Leichtigkeit und paddeln danach eine ruhige Blies entlang. Rechts und links von uns erneuert sich das Ufer Meter für Meter: Wir passieren meterhöhe Bäume, dessen Wurzeln bis ins Wasser ragen. Vom Hochwasser der letzten Wochen ist kaum noch etwas zu sehen, der Wasserpegel hat glücklicherweise stark abgenommen, was uns eine ruhige Kanuwanderung beschwert. Die Stille, von der wir begleitet werden ist unübertroffen und nicht nur der frühen Tageszeit geschuldet: so ist es immer hier. Lediglich das Plätschern unserer Paddel und hier und da das Schreien eines Vogels, stört das Idyll. Hier lässt sich wirklich Energie tanken.

Mehrtägige und eintägige Kanuwanderung
So entspannt dahinfahrend träumte ich schon weiter: Wie wäre es denn, wenn man eine Kanuwanderung über zwei Tage oder sogar mehr macht? Das Zelt passt locker in das Boot und es scheint auch immer wieder Ecken am Ufer zu geben, die zum Campen oder Biwaken einladen.

Eine Sandbank in der Blies: Ob es sich da gut Wilcampen lässt?
Wem mehrere Tage dann doch zu viel sind, für den lässt sich diese Tour auch in einer großen oder ein zwei kleinere Etappen bewältigen. Immerhin hat das Saarländische Ministerium seit Juni dieses Jahres acht weitere Kanuanlegestellen eingeweiht, die von jedermann genutzt werden können. Ich bin ob dieser Möglichkeiten ganz hin und weg, denn die Natur vom Fluss aus zu beobachten, hat schon was ganz besonderes 🙂
Seltene Tier- und Pflanzenarten im Bliesgau
Während unserer Tour wurden wir von Graureihern begleitet, die man heutzutage zum Glück wieder öfter sieht. Doch das war nicht immer so. Überrascht hatte mich die Information, dass es hier sogar Eisvögel gibt: Eisvögel brüten gern an den tonhaltigen Steilufern, auf der Westseite oder Nordseite eines Wassergrabens, Flusses oder See. Und genau an solchen paddelten wir auch vorbei. Es ist erstaunlich, was wir hier für Arten haben: In den Auwäldern der Blies leben Biberfamilien und am Naturschutzgebiet Höllengraben befindet sich eine Herde mit Heckrindern, Wasserbüffeln und Konik-Wildpferden (ja, Wildpferde! <3 ), ein Weißstorchennest sowie Populationen von Graureihern, Wildenten, Feldgänsen und anderen seltenen Tierarten. Ein geübtes Auge oder einen so gut informierten Guide, wie ich ihn hatte, hilft dabei, diese Tiere auch zu sehen bzw. überhaupt von ihnen Kenntnis zu erhalten. Neben der artenreichen Tierwelt im Gau, bietet das Mandelbachtal durch den Muschelkalkboden auch eine ausgesprochen günstige Basis für viele Orchideen: Nahezu die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Orchideenarten wachsen hier und in anderen saarländischen Regionen. Seit Juni sind die Wiesen wieder voll von diesen kleinen, bildschönen Blumen, von denen selbst gefährdete Arten hier noch eine passable Ausbreitung finden, wie ich erfuhr.

Dieses steile Ufer ist eine ideale Brutstätte für Eisvögel
Wichtiger Indikator: Wasserstand
Für noch unerfahrene Paddler wie mich kam schnell die Frage hoch, was denn nun ein Indikator dafür ist, überhaupt paddeln gehen zu können. Für unsere Tour hatten wir ja ein Schlauchboot dabei, dessen dynamischen Eigenschaften nicht unbedingt wildwassertauglich zu sein schienen – zumindest wollte ich es damit nicht ausprobieren 😉 Ich habe ein wenig recherchiert und natürlich auch meinen Begleiter nach Möglichkeiten gefragt, denn letztendlich ist dies ein nicht unerheblicher Teil in Punkto Sicherheit. Praktischerweise gibt es für ganz Deutschland eine Linkliste zu entsprechenden Pegelständen, leider ist der saarländische Link kaputt. Doch mit ein bisschen Suche, findet man hier eine Karte mit allen Pegelständen aus der saarländischen Region.

Gut erkennbarer: Rückgang des Wasserstands nach dem Hochwasser von vor ein paar Tagen
Der deutsch-französische Krieg im Saarland
In längst vergangenen Tagen tobte zwischen Deutschland und Frankreich ein Krieg, der die Blies zum Kriegsort werden lies. Ich bin froh und dankbar darum, dass wir diese Zeiten nicht mehr haben, denn die Freundschaft zu Frankreich ist ein unbezahlbarer Schatz. An eine Stelle erinnere ich mich an die Erzählung meines Begleiters: Die Todesinsel.
Auf der einen und anderen Uferhälfte stehen Soldaten der deutschen und französischen Armee. Es ist die Zeit Napoleons im 18 Jahrhundert, kurz bevor das Saarland zu Frankreich kam. Die Insel auf der Blies verengt den Fluss und lässt die Ufer einander näher kommen – eine unbarmherzige Schlacht forderte an jener Stelle etliche Tote, was der Insel diesen inoffiziellen Namen verlieh. Noch heute werden dort Kriegshinterlassenschaften gefunden.

Die Todesinsel auf der Blies
Der Ausstieg und mein großer Fauxpas
Rund zwei Stunden paddelten wir mit unserem Gummikanu nun schon und kamen dem Ausstiegspunkt in Habkirchen immer näher. Unendlich beseelt von dieser lehr- und erfahrungsreichen Tour, fiel mir just in dem Moment ein, dass ich meinen Autoschlüssel beim Einstieg im Auto vergessen hatte! Das konnte wirklich nicht wahr sein, ich kam mir so unendlich doof vor. Das war wohl die Aufregung :-/ Was ich nicht wusste, ist, dass das Haus meines Begleiters unweit unserer Ausstiegsstelle liegt – was für ein Glück! Nun müsst ihr euch vorstellen, wie komisch das gewirkt haben muss, wenn zwei Personen um 10 Uhr morgens ein Gummikanu durch die Gegend tragen. Welch ein Glück wohne ich nicht in dem Dorf 😉
Doch wo Pech ist, da ist auch Glück: Was ich auch nicht wusste, ist, dass in der Garage noch ein uraltes BMW Motorrad mit Seitenwagen stand und wir dieses nutzen, um an das Auto in Reinheim zu kommen. Großartig! Ich fahre zwar immer mal wieder selbst gerne Motorrad, doch diesmal lies ich mich mit Vorliebe im Seitenwagen kutschieren. War das witzig! 😀 Ein kleines Erinnerungsfoto musste dann auch noch sein ^^

BMW Motorrad mit Seitenwagen
Früher als gedacht beendeten wir unsere Tour für dieses Mal (wir paddelten wohl doch recht schnell) und sind schon am überlegen, einen weiteren Abschnitt der Blies zu erkunden. Das wird dann aber eine andere Geschichte 🙂

Liebe Bianca,
jetzt ist es an mir zu sagen: Danke für die Inspiration! Deine Paddeltour auf der Blies klingt nach einer tollen Tour, die wir mit unseren Packrafts im Frühjahr bestimmt angehen werden. Klasse Sache, diese Kanustationen entlang des Flusses, da lohnt sich eine mehrtägige Tour auf jeden Fall. Und ich sehe schon, ein Besuch im Biosphärenreservat muss demnächst auf jeden Fall auch sein. 🙂
Danke, dass Du mich mit Deinem Kommentar auf unserem Blog auf Dich aufmerksam gemacht hast, einen tollen Blog hast Du aufgebaut. Ich freue mich drauf, hier noch weiter zu stöbern.
Liebe Grüße
Cora
Hallo liebe Cora,
ich bin selbst sehr froh, auf Euch gestoßen zu sein. Denke, wir haben wirklich viel gemein und teilen das vielseitige Interesse 🙂 Habt Ihr denn eigene Packrafts? Dank Eures Artikels bin ich jetzt sooo angefixt… Kommendes Jahr will ich noch mehr auf dem Wasser machen und gerne auch eine oder mehrere längere Touren. Vielleicht sogar mit Zelt – das wäre traumhaft! Und wenn Ihr noch Verstärkung braucht: Ping mich gerne an, ich beiße auch nicht 🙂
Liebe Grüße
Bianca
Hallo Bianca,
die Tour ist wirklich schön. Allerdings ist sie aufgrund eines umgestürzten Baumes, der bei einer der Brücken quer über dem Fluss liegt, aktuell (07/2018) nicht ungefährlich. Auch wenn dein Eintrag natürlich schon etwas her ist, ist das für aktuelle Leser wichtig zu wissen.
Beste Grüße,
Tobias
Hallo Tobias,
herzlichen Dank für den Hinweis!
VG, Bianca
war auch heut auf der Blies zwischen Limbach und Blieskastel..dein Blog war sehr hilfreich…es war herrlich…nur der geringe Wasserstand und 2-3 unüberwindbare Müllbarrieren bereiteten mir ein wenig Strapazen..meine Abenteuerlust ist wiedergeboren!
Das freut mich sehr!! Wie schön 🙂