Steffen und Vroni sind Pferdenarren und noch echte Abenteurer: 2017 erfüllten sie sich einen Lebenstraum – einen Wanderritt von Konstanz am Bodensee ans Meer nach Contis les Bains in Frankreich – in 1800 km. Ein halbes Jahr lang waren sie mit ihren beiden Pferden Apollo und Max unterwegs und erzählten ihre Geschichten auf ihrem Blog im-sattel-ans-meer.de. Von Beginn an las ich begeistert mit, bangte, hoffte und freute mich mit ihnen wenn wieder mal eine Hürde geschafft wurde. Ich freue mich auch jetzt, Steffen und Vroni als Interviewpartner zu haben – herzlich willkommen Ihr beiden!

Vroni und Steffen mit ihren Pferden Max und Apollo. (c) im-sattel-ans-meer.de
Liebe Vroni, lieber Steffen: Was macht Ihr? Wo kommt Ihr her? Und wie hat alles angefangen?
Beitragsinhalt
- Liebe Vroni, lieber Steffen: Was macht Ihr? Wo kommt Ihr her? Und wie hat alles angefangen?
- Wie ich las, war die Planung nicht immer einfach: Welche Hürden habt Ihr erklommen? Wann wusstet Ihr, dass es JETZT losgehen kann?
- Wenn Ihr nochmal zurückblickt: Gab es mal einen Moment, wo Ihr vor der Wahl standet: Weiter gehen oder abbrechen? Welcher war das?
- Von meinen Reisen kenne ich manchmal das Gefühl des Überwältigtseins, weil der Moment so einzigartig schön und lebendig war. Kennt Ihr das Gefühl und an welchen Moment erinnert Ihr Euch gerne zurück?
- Mit dem Wissen von heute: Was würdet Ihr anders machen, wenn Ihr nochmal so einen langen Wanderritt machen wolltet?
- Auf was dürfen sich Eure Wanderreit-Fans in Zukunft freuen?
- Danke!
Vroni: Kennengelernt haben wir uns damals auf einer Trekkingtour in Island welche von der Uni organisiert wurde. 10 Tage mit Zelt und Rucksack unterwegs, abseits der Zivilisation, das hat doch irgendwie zusammengeschweißt. Durch diese Zeit ist eine gute Freundschaft entstanden. Wir haben beide an der Uni Konstanz studiert, Steffen Physik und ich Informatik. Ich hatte schon lange den Traum irgendwann einmal in meinem Leben für eine längere Zeit mit Pferden unterwegs zu sein. Alleine durfte ich allerdings nicht losziehen (da hätte mein Papa viel zu viel Angst um mich gehabt), deshalb fragte ich in meinem Freundeskreis, wer mich auf solch einer Tour begleiten möchte. Steffen hat damals leichtsinnigerweise direkt “Ja” gesagt und so vertieften wir uns schon wenige Tage später in die Planungen. Unsere erste Tour ging nach Schweden, dort wanderten wir 3 Wochen mit einem Packpferd durch die weitläufige Seen- und Waldlandschaft. Danach arbeitete ich erst mal für zwei Jahre und Steffen beendete sein Masterstudium. Die Idee für einen noch längeren Zeitraum unterwegs zu sein, ließ uns während der ganzen Zeit aber nicht mehr los und so schmiedeten wir an einem verregneten, kalten Wintertag den Plan, einen Sommer lang mit Pferden unterwegs sein zu wollen. Das war der Anfang unserer großen Reise.

(c) im-sattel-ans-meer.de
Wie ich las, war die Planung nicht immer einfach: Welche Hürden habt Ihr erklommen? Wann wusstet Ihr, dass es JETZT losgehen kann?
Steffen: Die größte Hürde der Vorbereitung war der Umfang: wir wollten ja nicht nur eine Pferdetour machen, sondern am Starttag aus unserer Wohnung ausziehen und davor wollte ich natürlich auch meine Masterarbeit fertig haben. Dadurch, dass wir bei unserer ersten Tour sowohl Pferd als auch Ausrüstung geliehen hatten mussten wir insbesondere alles anschaffen. Da es aber auch ein halbes Jahr lang halten sollte musste alles gut durchdacht sein. Das wichtigste und schwierigste Ausrüstungsteil war das Packsystem: Zwar gab es vereinzelt auf dem Markt (vor allem USA-Import und entsprechend teuer) Systeme in der Qualität, so dass wir ihnen für ein halbes Jahr vertraut hätten, restlos überzeugt haben uns aber auch diese Systeme nicht. Daher haben wir irgendwann beschlossen – “Wir machen das einfach selber”… “einfach” jaja. Viele Stunden der Planung und Recherche im Internet folgten, dann etliche Materialeinkäufe in Baumarkt, Armyshop und ebay, die Organisation einer Leihnähmaschine und schließlich etliche Stunden des Nähens. Die Maschine war nicht für so stabiles Material gedacht, weswegen sich immer wieder der Faden verhedderte und riss – aber schließlich war es vollbracht – da wussten wir: “Es kann losgehen!” – jetzt mussten wir nur noch alles in die neuen Taschen packen, schlafen und ausziehen – aber wir hatten ja noch genug Zeit – etwa 8 Stunden!

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Wenn Ihr nochmal zurückblickt: Gab es mal einen Moment, wo Ihr vor der Wahl standet: Weiter gehen oder abbrechen? Welcher war das?
Steffen: Da gab es nicht nur einen… Einerseits waren da die Momente, in denen man einfach keine Lust mehr hatte: Es regnete seit zwei Tagen durchgängig, alles war nass, man hat fast niemanden getroffen, den man nach einem Lagerplatz fragen konnte, da die Menschen bei Regen vom Erdboden verschluckt schienen, und wenn doch konnte er einem nicht helfen, da wir mit Pferden seine Wiese in einen Acker verwandelt hätten so matschig wie es war. Aber irgendwann kommt auch nach dem heftigsten Regen wieder die Sonne – und oft haben sich nette Leute gefunden, die einem geholfen haben. Auch die enorme Hitze in den südlich gelegenen Gebieten machte uns einige Wochen sehr zu schaffen. An manchen Tagen hatte es über 40 Grad im Schatten, da war an Laufen nicht mehr zu denken. In dieser Zeit sind wir schon extrem früh gestartet und nur bis Mittags gelaufen. Den restlichen Tag verbrachten wir dann irgendwo im Schatten und dösten vor uns hin. Wenn das Wetter einen so extrem erwischt fragt man sich an manchen Tagen schon, weshalb man das alles tut, aber wirklich Aufhören wollten wir deshalb nie.
Die einzige Situation, in der wir rational über einen Abbruch nachgedacht haben war gegen Ende des Sommers – Apollo hatte stark an Gewicht verloren, weil er auf den abgefressenen Bergwiesen nicht genug Nahrung gefunden hat, dazu kam der Fellwechsel und Mineralstoffmangel. Wir entschieden uns aber schneller abzusteigen, da in tieferen Lagen die Wiesen noch voller waren, es Tierfachhandel gab, in denen man Mineralfutternachschub besorgen konnte und auch Bauern, welche Heu hatten, das man zufüttern konnte. So haben wir auch diesen Engpass noch gut überstanden und Apollo hat sich allmählich erholt.

(c) im-sattel-ans-meer.de
Von meinen Reisen kenne ich manchmal das Gefühl des Überwältigtseins, weil der Moment so einzigartig schön und lebendig war. Kennt Ihr das Gefühl und an welchen Moment erinnert Ihr Euch gerne zurück?
Vroni: Besonders überwältigt haben uns die Begegnungen unterwegs. Ich erinnere mich noch gut an einen sehr anstrengenden Tag, an welchem wir schon etliche Kilometer zurückgelegt hatten und einfach keine Wiese für die Nacht finden konnten. Die Leute in der Gegend waren extrem verschlossen und abweisend, hatten hohe Mauern um ihre Höfe gebaut und man hörte die Hunde hinter den Toren kläffen. Aufgemacht hat uns aber meistens niemand und falls doch, wurden wir nur mit grimmigen Worten und verachtenden Blicken weitergeschickt. Wir waren fassungslos und am Boden zerstört. All die Tage und Monate zuvor ist uns so etwas noch nie passiert. Was war los mit den Menschen in diesem Dorf? Diese Gegend schien irgendwie verhext. Wir hatten inzwischen schon drei Dörfer durchquert und die Hoffnung schon längst aufgegeben. Doch wie es das Glück so wollte führte es uns zu einer Frau, welche gerade in ihrem Garten stand. Wir fragten sie, ob sie jemanden kenne, der eine Wiese hat auf der wir für eine Nacht bleiben dürfen. Zu unserer großen Überraschung war diese Frau völlig anders als all die anderen Menschen welche wir zuvor in dem Dorf getroffen haben. Mit einer überwältigenden Herzlichkeit setzte sie alle Hebel in Bewegung eine Wiese für uns zu finden und lief mit uns gemeinsam von Nachbar zu Nachbar. Nach einer weiteren Stunde der gemeinsamen Suche hatten wir dann tatsächlich Glück und durften auf eine alte Pferdeweide, welche sogar einen Unterstand für uns und die Pferde hatte! Plötzlich waren alle Menschen um uns herum nett. Die Pächter der Wiese, zwei junge Mädchen, sind extra mit dem Auto zu uns heraus gefahren, um die Tränke mit frischem Wasser zu füllen. Die Pferde waren bestens versorgt und auch wir waren vom Glück gesegnet, denn die Frau welche die Wiese mit uns gesucht hat lud uns zum Abendessen ein. Die ganze Familie war versammelt und es gab eine abgöttisch leckere Paella. Wir wurden von der Familie so herzlich aufgenommen, als wären wir schon seit Jahren ein Teil der Familie. Gemeinsam haben wir so viel gelacht wie seit langem schon nicht mehr und uns über Gott und die Welt unterhalten. Mit tiefer Dankbarkeit über diese wundervolle Begegnung liefen wir spät am Abend zu unseren Pferden zurück. Dort standen sie und mampften gemütlich ihr Gras. Glücklich und mit einem dankbaren Lächeln im Gesicht sind wir in jener Nacht eingeschlafen. Diese Begegnung werde ich mein Leben lang in meinem Herzen tragen. Stärker hätte der Kontrast von Abweisung und Herzlichkeit in ein und demselben Dorf nicht sein können.
Neben den wundervollen Begegnungen gab es auch immer wieder unvergessliche Momente mit unseren Pferden, welche uns zu einem starken Team zusammen geschweißt haben. Ich werde nie jene Nacht vergessen, in der wir das erste mal ohne Zelt direkt neben unseren Pferden geschlafen haben. Über uns der Sternenhimmel, neben uns unsere geliebten Pferde. Man konnte jede Bewegung von ihnen hören und spüren. Ein absoluter Gänsehaut-Moment! Es war schon immer mein Traum irgendwann einmal direkt neben meinem Pferd zu schlafen. An Schlafen war in jener Nacht jedoch nicht zu denken, so sehr war mein Herz mit Freude erfüllt. Einige Stunden standen sie einfach nur neben uns und haben gedöst, dann haben sie sich direkt neben uns gelegt! Mir stockte der Atem als ich die liegenden Silhouetten beobachtete. Wow! Schöner hätte ich mir das nicht erträumen können. Ich spürte, dass wir inzwischen zu einem starken Team zusammengewachsen waren.

(c) im-sattel-ans-meer.de
Mit dem Wissen von heute: Was würdet Ihr anders machen, wenn Ihr nochmal so einen langen Wanderritt machen wolltet?
Steffen: Wir waren unglaublich glücklich mit unserer Art zu reisen. Wir habe so viele unglaublich nette Leute kennengelernt, wir hatten keinen Zeitdruck, wir konnten jeden Tag frei planen, nur den Nahrungsvorrat hatten wir zu beachten. An dieser Art würden wir nichts anders machen wollen. Woraus wir sicher gelernt haben ist unsere Erfahrung in den Bergen – hier würden wir bei der Routenwahl andere Kriterien schwerer gewichten.
Ein Gedanke mit besonderem Reiz ist es, für uns ohne festes Ziel loszuziehen, sich vor Ort von Landschaft, Wetter und Empfehlungen treiben zu lassen oder auch einfach mal zu bleiben, wo es schön ist… Das wäre sicher nochmal eine ganz andere Art des Reisens, wo noch mehr der Weg als Ziel in den Mittelpunkt tritt.

(c) im-sattel-ans-meer.de
Auf was dürfen sich Eure Wanderreit-Fans in Zukunft freuen?
Vroni: Oh da gibt es einiges! Zum einen wird es ein Buch über unseren Wanderritt geben, in welchem wir über unsere Abenteuer, Begegnungen und den Learnings von Unterwegs erzählen werden. Das Erscheinungsdatum ist noch nicht bekannt. Zum anderen gibt es unser Packsystem, welches wir damals für unsere Tour konstruiert haben, ab sofort zu kaufen. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist in Deutschland an eine bezahlbare Packtaschen-Konstruktion für Reitsättel zu kommen und möchten mit unserem Packsystem auch anderen Wanderreitern die Chance geben, ebenfalls solche wundervollen Momente mit ihren Pferden erleben zu können. Auf unserem Blog, Facebook und Instagram halten wir euch zudem stets auf dem Laufenden.
Danke!
Habt vielen herzlichen Dank für Euren tollen Einblicke! Ich bin ein wirklich großer Fan von Euch und freue mich schon sehr auf das Buch. Danke, dass Ihr meine Interviewpartner ward 🙂
