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Seminarerlebnis Rai Reiten & Native Horsemanship – Tag 1

Lange Zeit waren Pferde aus meinem Leben getreten bis zu der Zeit, an der ich ein wetterunsensibleres Hobby als das Fliegen suchte. Als Kind faszinierten mich Pferde schon immer, doch nicht artgerechter Umgang mit den Tieren in den von mir besuchten Reitställen, raubte mir sämtliche Motivation, das Hobby weiter auszuüben. Bis vor eineinhalb Jahren das Buch Pferde verstehen in meine Hände viel und ich kurze Zeit später endlich den richtigen Reitstall für mich entdeckte.

Quiz: Eine Pferdeherde kommt an ein Wasserloch, alle haben Durst. Wer trinkt zuerst? Sind es die starken Tiere oder dürfen/müssen die schwachen zuerst? Die Auflösung gibt es im 2. Teil des Seminarberichts am 30. April 2015.

Auf der Stone Hill Ranch in Ensheim bei Saarbrücken wird das Rai Reiten gelehrt. Kurz zusammengefasst bedeutet Rai Reiten: Reitweise vornehmlich für Wander- und Freizeitreiter und ausgezeichnet durch den Verzicht von Hilfsmitteln wie Sporen, Gerten oder Gebisse. Auf der Stone Hill lehrt man diese und andere Horseman-Methoden, wie die von Marc Rashid, Gawani Pony Boy, Pat Parelli, Peter Pfister, Heinz Welz und Fred Rai. Am Wochenende gab es am Samstag und Sonntag das Kompaktseminar Native Horsemanship 1 und 2.

Rai-Hunkapi-Logo

Basiswissen zu den Grundbedürfnissen von Pferden und artgerechte Kommunikation

Der Samstag empfing die 13 Teilnehmerinnen (ja, es war kein Mann anwesend) zunächst mit einer sehr traurigen Nachricht. Fred Rai, der Gründer des Rai-Reitens, verstarb am Tag zuvor durch einen Schlaganfall während eines Ausrittes. Man sah die Traurigkeit in den Augen unserer Seminarleiter_innen Walter, Rike und Chrissi an und auch wir mussten tief schlucken. Nach dem Schock kam dann auch der Gedanke, dass wir hier und heute die Idee, des artgerechten Umgangs mit den Pferden lernen und dass es sich lohnt, diese Gedanken für sich und vor allem für die Tiere weiterzuführen. Damit gestärkt ging es schließlich in eine kurze Vorstellungsrunde.

Unsere Gruppe war bunt gemischt: Da gab es die, die in ihrem Leben einmal auf einem Pferd saß bis zu derjenigen, die gerade dabei ist, ihr eigenes Jungpferd auszubilden. Sehr bewundert haben wir den Mut einer Teilnehmerin, die sich in dem Kurs ihrer Angst vor Pferden stellen wollte. Ob sie es schaffte, erfahrt Ihr natürlich auch – dazu aber später 🙂 Ich selbst bin vom Know-How wohl so mittendrin: Belesen in einigen Horsemanshipmethoden, Ausbildung seit eineinhalb Jahren im Rai-Reiten und ich kann mit insgesamt einem Jahr Erfahrung mit zwei Reit- und Pflegebeteiligungen auch ein bisschen Praxis am Pferd vorweisen.

Inhalt der interaktiv gestalteten Vorträge war:

  • Wir haben die natürlichen Instinkte, Grundbedürfnisse und Verhaltensweisen der Pferde kennengelernt und darüber hinaus, wie es uns eigentlich wahrnimmt und wie es lernt.
  • Dialog zwischen Mensch und Pferde: Wir lernten, wie Pferde im Herdenverband untereinander kommunizieren, wie sie Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken und was wir als Mensch daraus lernen können, wenn wir uns ihnen verständlich machen und ihr Vertrauen und Respekt gewinnen wollen. Natürlich alles ohne Gewalt.
  • Das Equipment: welche Hilfsmittel gibt es, um einem Pferd Sicherheit zu vermitteln und es so für Gefahren (aus Sicht des Pferdes) durch uneingeschränktes Vertrauen in den Menschen, kontrollierbar zu machen?
Vortrag von Walter Rauch

Ranch-Chef Walter Rauch erklärt uns die wichtigsten Basics für das Native Horsemanship

Das Ding mit der Stange im Pferdemaul

Nach er Einheit im Kursraum ging es kurz raus, um mehr über Gebisse, Bosal, Knoten- und Reithalfter zu erfahren. Ein kleiner Test hat sich mir dabei sehr eingeprägt:

Habt Ihr schon mal gespürt, wie weh so ein Gebiss in der Hand tun kann? Wir Teilnehmerinnen hielten eine ganz normale Wassertrense in der Hand und auf der anderen Seite hielt Walter die Zügel und zog in drei Phasen:

  • Erste Phase „so sollte es sein“ – lockere Zugkraft und Anlehnung ans Pferdemaul
  • Zweite Phase „so ist es oft wirklich“ – erhöhte Zugkraft, die die Hand mit der Zeit sicher hätte schmerzen lassen (man stelle sich das mal im weichen Pferdemaul vor…!)
  • Dritte Phase „so ist es beim Kopf ziehen“ – unmöglich das Gebiss noch länger in der Hand zu haben, ohne, dass es richtig weh tut!
t1-gebissschulung

Die Teilnehmerin erfährt, wie schmerzhaft ein Gebiss im zarten Pferdemaul wirken kann.

Führposition: hintereinander oder seitlich nebeneinander?

Nach einem leckeren Mittagessen (dank des italienischen Bestellservices 😀 ), ging es mit der Praxis am Pferd weiter. Wir lernten, wie man dem Pferd ein Knotenhalfter anlegt und auch das Führen eines Pferdes. Über die Führposition gibt es kontroverse Diskussionen, nach Rai ist diese für das Pferd immer hinter dem Menschen. Für mich persönlich war das am Anfang (vor 1,5 Jahren) natürlich eine Umstellung, da man dies klassisch anders lernt (immer links neben dem Pferd zwischen Kopf und Schulter) und man sieht das Pferd auch nicht, was für viele unangenehm ist. Mittlerweile schätze ich diese Position, da ich zum einen gelernt habe, dass ich fühlen kann, was das Pferd hinter mir macht und zum anderen habe ich so ein sehr entspanntes Pferd, dass mir nicht nach vorne prescht.

t1_Fuehruebungen

Nachdem wir das alle auf dem Platz geübt haben, ging es raus und – oh, wie gemein – über eine grasgrüne, saftige Wiese mit der Aufgabe, das Pferd nie-nie-niemals(!!) fressen zu lassen 😀

Quiz: Eine Pferdeherde drängt sich zusammen, um sich vor einer Gefahr zu schützen. Welche Pferde stehen in diesem Schutzkreis außen, welche innen? Wo stehen die schwächeren, wo die stärkeren? Auch diese Antwort gibt es am Donnerstag im 2. Teil des Berichtes.

Nachdem wir diese Übung mehr oder weniger bravurös gemeistert haben, nutzen einige von uns die Zeit vor dem Abendessen, indem sie sich schicke Knotenhalfter zeigen ließen oder mit den dort wohnenden Eselchen spazieren gingen. Eine runde Sache war danach das gesellige BBQ (ohne Esel! 😉 )

t1-eselspaziergang

Kleiner Spaziergang mit den vier Eselchen 🙂

Fazit Tag 1: Erwartungen übertroffen

Ich hatte zunächst befürchtet, dass man mir am ersten Tag zunächst nicht viel Neues beibringen kann – dem war aber definitiv nicht so. Da gab es im theoretischen Teil beispielsweise die Bedürfnispyramide der Pferde – abgeleitet von der von Maslow – die jedem klar vor Augen führte: Wenn es in den unteren Schichten an etwas mangelt, braucht man gar nicht erst daran denken, dem Pferd sein Spielbedürfnis zu tilgen. Auch das natürliche Verhalten in der Herde war mir im Detail gar nicht so bewusst, da haben mir einige Erkenntnisse doch überrascht. In jedem Fall war ich nach diesem Samstag einfach nur platt und auch sehr neugierig, was uns am nächsten Tag erwarten würde.

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