ᵂᴱᴿᴮᵁᴺᴳ Ich bin die erste, die die Augen aufschlägt. Trotz dass wir schon September haben, trotz dass ich draußen in der schwedischen Provinz Skåne in der Jurte schlief – kalt war es nicht. Leise steige ich aus meinem Bett, ziehe mir eine Hose, eine Jacke und die Schuhe über und öffne die Tür. Frische Waldluft streift mein Gesicht, Meter hohe Bäume lassen vereinzelt die ersten Sonnenstrahlen durch. Der Morgen ist so still wie die Nacht zuvor, in der ich lange wach auf der Veranda der Gemeinschaftsjurte saß. Kaffeelust überkommt mich. Wie der schwedische Kaffee wohl schmeckt? Ich finde neben dem großen Holzofen in der Jurte ein paar Streichhölzer und ein bisschen Papier und Holz. Na, dann wollen wir mal. Das Streichholz zischt und entfacht in Kürze das wärmende Feuer.

Natur bedeutet auch: frei sein wie ein Vogel
Das Bad im Wald
Beitragsinhalt
Der Kaffee ist wirklich köstlich. Gefrühstückt wird gemeinsam, draußen, direkt unter den Bäumen. Doch nicht zu lang: Unsere Rucksäcke packen wir früh, denn leider ist es Zeit, schon Abschied zu nehmen. Das nächste Abenteuer ruft.
„In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ (J. W. v. Goethe)
Die Japaner wissen schon längst um die heilende Kraft des Waldes. Manche Wissenschaftler empfehlen ihn für Therapien und können die Wirkung auch belegen. Ich selbst fühle mich im Wald sehr wohl, auch schon als Kind. Dazu die Bewegung und frische Luft – ja, das ist wunderbar und macht den Kopf frei. Doch ist das schon heilsam im Sinne von gesundend? Ich bin skeptisch und gleichzeitig neugierig.
Der Baustellenlärm wirkt zu Beginn ganz und gar nicht therapeutisch und verschluckt viele Wörter von Felicia Eckersten, die sich als unser Guide vorstellt. Die gebürtige Schwedin ist redlich bemüht, uns den Nationalpark Söderåsen auf einer Karte zu zeigen und umkreist dabei mit ihrem Finger einen rot markierten Rundwanderweg, den wir heute begehen werden. Wir wechselt den Platz als die Karte nicht mehr benötigt wird und erfahren mehr zu Felicia selbst und ihre Geschichte, wie sie zum Waldbaden kam.

Auf geht´s in den herbstlichen Wald
Vom Glück, alles zu verlieren
Aufgewachsen in Schweden, war sie als Kind immer viel in der Natur unterwegs: wandernd und mit ihrem Pferd. Eine wunderbare Zeit, die sich dann änderte, als sie älter wurde und nach dem Studium arbeiten ging. In der Stadt, so erzählt sie, merkte sie mehr und mehr, wie unwohl sie sich fühlte. Dabei ging es ihr nicht schlecht, abgesehen dass sie viel arbeitete. Doch irgendwann ging es nicht mehr: die Ärzte diagnostizierten Burn-out. Felicia gab alles auf: ihren Wohnort in der Stadt und ihre Arbeit. Sie ging nach Hause ohne alles – und damit auch zurück in die Natur. Hier begann die Zeit, wo sie zum ersten Mal mit dem Thema Waldbaden in Berührung kam: Sie traf einen Professor, der sie in die Wissenschaft des „Shinrin-Yoku“ einwies, wie Waldbaden auf Japanisch heißt. Für Felicia war das nicht nur gesundheitlich ein Glücksfall, sondern auch beruflich: Heute gibt sie Menschen wie uns ihr Wissen auf ihren Wanderungen weiter: so ermöglicht sie uns, Stress abzubauen und lehrt zeitgleich eine achtsame Begegnung mit der Natur. Felicias Geschichte rührt mich, zeigt sie doch, dass ein Verlust immer auch Glück bedeuten kann.

Der Wald ist bunt und grün zugleich <3
Waldbad im Söderåsen Nationalpark
Es werden Yogamatten verteilt, die wir an unsere Rucksäcke schnallen und anschließend gemeinsam in den bunten Herbstwald eintauchen. Die Sonne schickt abwechselnd ihre Strahlen durch´s Baumdach, während der Wind von unten das Laub aufwirbelt, um nach diesem Konfettiflug wieder dekorativ den Waldboden zu färben. Mal umarmt uns der Wald, mal blicken wir in weite Ferne. Dann bleibt Felicia stehen und bittet uns, uns im Kreis aufzustellen – eine Übung folgt. Wir erhalten eine Rosine und sollen sie entdecken. Ja, natürlich hat schon mal jeder eine Rosine in der Hand gehalten, doch wer macht sich schon die Mühe, sie zu beobachten, zu riechen und gar zu hören? Meine Rosine ähnelte übrigens sehr einem Gehirn – ich habe sie aber trotzdem gegessen 😉
An einer märchengleichen Lichtung angekommen, legen wir die Yogamatten auf moosbewachsenem Waldboden. Ich setze mich und spüre die warme Herbstsonne im Gesicht. Wir dürfen uns legen oder einfach sitzen bleiben, als Felicia anfängt, uns mit Worten in eine Welt ohne Stress und Hektik zu begleiten. Mittlerweile liege ich und meine Augen sind geschlossen. Einatmen. Ausatmen. Der Wind lässt den Busch neben mir rascheln; ich blinzle in die Sonne. So hell. Ich schließe die Augen wieder und lasse Füße, Beine, Bauch, Rücken, Arme und Hände ganz schwer werden. WOW. Kurzzeitig spüre ich mich fallen, als wäre mein Körper nicht mehr da. Ich komme zu mir.
Felicia bittet uns, uns langsam zu strecken und wieder aufzustehen.
Wir strecken uns, falten die Matten wieder zusammen und sind alle wie verzaubert von dieser Erfahrung. Als hätten wir nicht nur gebadet – nein. Als wären wir getaucht und wären eins gewesen mit den Bäumen, den Wolken und dem Licht um uns.

Entspannendes Waldbaden im Söderasen Nationalpark
Wissenswertes über den Söderåsen Nationalpark
Der Söderåsen Nationalpark ist das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet Nordeuropas auf einer ausgewiesenen Fläche von ca. 16 km2. Der Park ist ein beliebtes Reiseziel für Naturliebhaber, die gerne eine ganze Woche lang wandern und sich völlig losgelöst von der modernen Welt in die Natur begeben wollen. In Skäralid befindet sich der bekannteste Aussichtspunkt des Nationalparks, „Kopparhatten“, d. h. der Hut des Kupfers.
Die Landschaft des Nationalparks reicht 70-80 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück und zeichnet sich aus durch schöne Buchenwälder, klare Bäche und hohe Klippen. Der Park verfügt über eine besonders gute reiche Naturvielfalt mit vielen seltenen Pilzarten, Insekten, Wassertieren, Moose, Vögel und Fledermäuse. Jede Jahreszeit hat hier ihren eigenen Charme: von weißen, knackigen Wintermorgen, dem Ausbruch der Knospen im Frühjahr bis hin zu den feurigen Farben der Herbstwälder.

Wundervolle Aussicht am Kopparhatten

Hohler Baum im Söderasen Nationalpark
Odensjön: Picknick am geheimnisvollen See
Die Wanderung durch den Nationalpark (GPS-Aufzeichnung auf komoot) führt uns noch eine Weile am Bach des Skärån entlang und schließlich zurück zum Parkplatz. Die Verabschiedung von Felicia ist herzlich und schon bald sitzt die ganze Gruppe wieder im Shuttle – hungrig und mit roten Backen. Es ist bereits nach zwölf als wir loskommen, doch weit ist es zum Glück nicht. Das Ziel ist ein ganz besonderer See: der Odensjön (Karte auf Google). Die geologische Besonderheit bei diesem Kreisrunden Wasserbecken ist, dass keine Wasserader rein oder raus führt. Das Geheimnis, so erzählt man uns, liegt am unterirdischen Wasserzufluss, der aus der Erde diesen See speist.
Wir holpern ein wenig mit dem Shuttle durch Waldwege und wissen nicht immer, ob der Weg so richtig ist. Bis wir ihn sehen: den Picknicktisch direkt am See! Mein Herz macht einen Freudensprung, da er nicht nur einladend aussieht, sondern regionale wie saisonale Gerichte kredenzt werden. Unser Gastgeber ist das Bjärhus, „Das Haus am Hügel“. Dieses befindet sich eigentlich in Söndraby neben Söderåsen im Westen von Skåne. Der seit 1660 bestehende Hof wird von Elisabeth und Lars Hansson mit den Söhnen Gustav, Erik und Nils betrieben und ist seit sieben Generationen in Familienbesitz. Verarbeitung, Bäckerei und Hofläden werden gemeinsam mit Anneli und Leif Persson geleitet, wo Leif Schreiner derjenige ist, der hinter den preisgekrönten Delikatessen der Farm steht. Wir setzen uns. Dann darf ich den köstlichsten Gemüseeintopf aller Zeiten essen – natürlich mit Nachschlag!
Danach bin ich satt und rund. Jetzt ein Mittagsschläfchen, vielleicht? Doch Leben kommt auf, und einige kramen in ihren Sachen nach den Badeklamotten. Mich friert es aber schon alleine davon, meine Füße in das Wasser zu halten. So komplett dann mit dem ganzen Körper?! Lieber nicht… Vier Mutige machten sich einen Spaß daraus und springen – auf eins, zwei, drei – direkt in das kalte Nass. Die Verrückten! 😀

Picknick am Odensjön

Ente auf dem Odensjön

Die Mutigen springen ins Wasser 😀
Genussvoller Ausgang ist die Ruhe vor dem Sturm
Mit nassen Haaren und leicht durchgefroren, setzt sich ein Teil von uns zurück ins Shuttle. Meinen Rucksack werfe ich hinten rein und setze mich dazu. Total entspannt machen wir uns auf zur nächsten Unterkunft, doch nicht ohne klassische, schwedische Fika bei Lotta pa asen – diesmal wirklich klassisch und nicht wie gestern im Baum. Von da an geht es nun weiter an die Küste nach Arilds und zu einem Fleckchen Erde, von dem ich nicht wusste, dass es sowas in Schweden gibt: einem Weingut. Wo genau das liegt und was uns an der Küste im Westen Aufregendes erwartet, erzähle ich Dir im nächsten Beitrag zur Rundreise in Skåne.

Das Weingut in Arilds
Anreise, Links und Buchungsmöglichkeiten
- Söderåsen Nationalpark: Website und Regionkarte (Google). Adresse (Parken, Museum, Restaurant): Klippan C, 264 53 Ljungbyhed, Schweden (Google Karte)
- Wanderung Waldbaden vom Parkplatz aus: GPS-Tour auf komoot
- Bjärhus Farmshop: http://bjarhusgardsbutik.se
- See Odensjön (toll zum Picknicken und baden): Anreise Google Maps
- Schwedische Fika (urgemütlich, alles handgemacht) bei Lotta pa asen: Website: http://www.lottapaasen.se und Adresse: Slättåkra 920, 264 53 Ljungbyhed, Schweden (Google Karte)
- Auf booking.com buchen: Arilds Vingård (Weingut)*
Skåne entdecken: Alle Beiträge der Rundreise in Südschweden
- Teil 1 | Warum ich in Schweden den Kaffee im Baum trank
- Teil 2 | Vom Glück, alles zu verlieren und dann im Wald zu baden
- Teil 3 | Salzwasser im Wanderschuh
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Hallo Bianca,
wunderschöne Fotos hast du hier und ein Thema, was mich momentan auch total in den Bann zieht. Seitdem ich mich mit dem Waldbaden beschäftige, erlebe ich jeden noch so kleinen Ausflug in den Wald mit ganz anderen Augen und noch viel intensiver … Und Felicias Geschichte rührt mich auch sehr. Wie häufig wir uns doch einfach von unserer Mitte wegbewegen… Leider. LG Katharina
Hallo Katharina,
wahre Gedanken, die Du formulierst. Danke dafür <3
Liebe Grüße, Bianca