[Werbung] Fröhlich lacht die Sonne am heutigen Morgen durch die großen Fenster unseres Hauses. Dass es an diesem Wochenende nur so strahlen wird, ist kaum zu glauben. Voller Vorfreude packe ich für die heutige Tageswanderung noch einen Apfel und etwas Wasser ein – mehr benötige ich nicht. Genussvoll soll es heute unterwegs werden – für mich eine willkommene Abwechslung zwischen den Wanderungen mit meist einfachen Butterstullen und ne handvoll Nüssen. Was genau mich jedoch erwartet, weiß ich noch nicht und lasse mich auf den Überraschungseffekt positiv ein. Willst Du ein Stück mit mir gehen und es herausfinden? Dann möchte ich Dir von diesem Tag erzählen.

Ankunft in Altheim
Beitragsinhalt
- Ankunft in Altheim
- Historische Wege als Lebensader im Bliesgau
- Die Sternenwege
- Das Wahrzeichen des Bliesgaus
- Blumen im Bliesgau – nicht nur hübsch, auch essbar!
- Nachhaltigkeit: Wie entstand der Gedanke?
- Es ist kein See und kein Tümpel – die Mardelle
- Kulinarisches aus der Region
- Projekte und Geschichte aus dem Bliesgau
- Krönender Abschluss: Selbstgebackene Kuchen
- Fazit
Ich kann mich nicht erinnern, diesen Ortsnamen zuvor schon mal gehört zu haben und dass, obwohl ich keine 20 km von diesem Örtchen, das nahe dem saarländischen Blieskastel liegt, wohne. Schmale Straßen winden sich auf dem Weg hin sanft auf und ab und ich verliere mich fast in diesen Ausblick mit den satten, grünen Hügeln. Nur wenige Minuten später sehe ich mich bereits umringt von rund 20 weiteren fröhlich gestimmten Gesichtern, die sich, ebenso wie ich, auf eine geschichtsträchtige Genusswanderung in der Biosphäre Bliesgau freuen – veranstaltet von der Saarpfalz-Touristik.
Eine Biosphäre ist…
eine schützen- und bewahrenswerte Kulturlandschaft. Insgesamt 17 Stück gibt es in Deutschland, darunter auch die Biosphäre Bliesgau. Zertifiziert wird sie von der UNESCO – und auch ist jede Biosphäre unterschiedlich. Die Besonderheit im Bliesgau besteht darin, dass wir im Vergleich eine besonders hohe Bevölkerungsdichte haben, was für die Wissenschaft interessant ist: Denn nirgends sonst kann man so gut beobachten, wie sich der Mensch auf die Natur auswirkt. Unser Biosphärenreservat hat ca. 36.000 ha und gibt es seit 2009. Die Logo-Farben schließen auf: gelb = Kalk. Rot = Bundsandstein. Blau = Blies/Wasser. Auch die weitläufigen Streuobstwiesen hier sind geschützte Biotope. Mehr zur Biosphäre Bliesgau liest du hier.
Historische Wege als Lebensader im Bliesgau
Die zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin Heike Welker führt unsere wissbegierige Wandergruppe an ein sehr altes Wegekreuz, das uns verrät, dass wir es noch 2000 km bis nach Santiago de Compostella gehen müssten, also zu dem Ort, wo der Jakobsweg sein Ziel findet. Froh, heute doch nur rund 9 km zu gehen, ziehen wir weiter und bleiben an einer Stelle stehen, die jeder von uns übergangen wäre, hätte Frau Welker und nicht darauf aufmerksam gemacht:
Wir stehen vor einem unscheinbaren Kalksteinband, das in den Boden hineingestickt(!) wurde. Noch während ich darüber grübelte, wie man Steine in den Boden sticken könnte, klärte man uns fachmä… frauisch auf: Diese Steine werden nicht flach auf den Boden gelegt, sondern schmalkantig in den Boden eingelassen – das nennt man nun sticken. Pfiffig, denn so verhinderte man damals mit einfachen Mitteln, dass es auf den Steinen kaum rutschig wurde. Wer übrigens mehr dazu wissen möchte: Die Broschüre „Lebensader Wege“ bietet weitere Infos und kann bei der Saarpfalz-Touristik angefragt werden.

Ein gestickter Weg
Die Sternenwege
Begleitet von einem sanften Plätschern und fröhlichem Vogelgezwitscher wandern wir motiviert weiter bis zu einer Kreuzung und einem weiteren Kreuz. Wer sich von Euch schon mal mit dem Jakobsweg auseinandergesetzt hat, kennt sicher das typische Wahrzeichen dieses Weges: die Jakobsmuschel. Diese befindet sich auch hier an der Stelle und erfahren wieso: Der Jakobsweg ist ein Netz aus vielen unterschiedlichen Wegen, die nach Spanien führen. Zwei davon wurden von Hornbach (Deutschland) nach Metz (Frankreich) wiederentdeckt. Ein Nord- und ein Südweg, wobei wir uns derzeit auf dem südlichen beider Wege befinden. Die als Sternenweg / Chemin des étoiles wiedererweckten Pilgerwege wurden als grenzüberschreitendes Projekt umgesetzt – ein für mich weiteres, wundervolles Beispiel für die grenzenlose Freundschaft, die unter beiden Nationen herrscht. Tipp: Zum Sternenweg gibt es eine interaktive Karte.

Sternenwege Karte des Jakobsweges
Das Wahrzeichen des Bliesgaus
Nun biegen wir auf eine weitläufige Wiese ein, die mit ihrem kräftigem Grün mein Herz höher schlagen lässt. Weicher Boden schmeichelt den Wanderfüßen und die Augen liegen auf jenen sanften Hügeln, die mich schon auf der Herfahrt erfreuten. Es ist „mein“ Auenland, das ich hier vor mir sehe – ein zauberhaftes Land in das man mit Körper und Seele ganz und gar eintauchen möchte.
Ein schmales Bächlein hat sich in der Wiese gebildet über das wir drüber gehen und, wenige Meter weiter, auf einer Anhöhe stehen bleiben. Hier erkenne ich schon, dass hiesige Wiese eine sogenannte Trockenwiese ist, die zwischen Mai und Juni vermutlich jede Menge wilder Orchideen beherbergt. Heute jedoch ist anderweitig das Glück mit uns: Eigentlich drei Wochen zu spät und wegen des kürzlich auftretenden Frostes, ist diese Wiese aus Muschelkalkboden übersät von dem Wahrzeichen des Bliesgaus: der Küchenschelle. Einfach wundervoll!

So herrlich ist es im „Auenland“ Bliesgau <3

Eine der zahlreichen Küchenschellen auf der Wiese
Blumen im Bliesgau – nicht nur hübsch, auch essbar!
Von der Trockenwiese führt uns der Weg zunächst kurz über eine Straße, um dann wieder in die Landschaft einzutauchen. Auch hier sind wir umgeben von unendlichen Weiten, begleitet von schmalen Wasserrinnen und immer eine leichte Brise Frühlingswind im Gesicht. Nebenher erfahren wir, welche Blumen auf unserem Weg blühen und sogar auch, welche davon essbar sind. Denn gerade im Frühjahr sind die jungen Blüten, und natürlich auch Kräuter, ein besonderes Geschmackserlebnis in Salaten und vielen anderen Speisen.



Mitten im Wald
Nachhaltigkeit: Wie entstand der Gedanke?
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit erfahren wir dann, als wir ein paar Meter in den Wald geführt werden. Denn genau in einem solchen Wald entstand die Idee zur Nachhaltigkeit von Carl von Carlowitz: Der Forstwirt bemängelte schon damals, dass zu viel dem Wald geraubt und nichts wieder eingebracht wurde. Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit war geboren: Wenn du etwas nimmst, gebe mindestens das auch wieder zurück. Wie wir heute wissen, gilt das mittlerweile für viele andere Bereiche des täglichen Lebens.
Während wir nun durch den Wald wandern, erfahren wir mehr von den völlig unscheinbaren Hügeln, die rechts und links des Weges stehen. Ein wenig unheimlich ist mir dann schon als ich erkannte, dass dies alles Gräber sind – jeder Hügel eins. Heute beinhalten sie für Archäologen wertvolle Informationen zu den Kelten, die damals hier lebten und oft mit ihren Frauen, manchmal auch Sklaven und Tieren begraben wurden. Heute dürfen wir uns auf einem dieser Hügel Dachsbauten ansehen: riesige Löcher, die tief in den Boden führen. Die nachtaktiven Tiere ließen sich aber natürlich nicht blicken und so ließen wir sie schnell wieder in Ruhe weiter schlafen.

Eine alte Eiche – ein Naturschutzdenkmal im Bliesgau
Ein weiterer Schatz auf unserem Weg ist die 300 bis 400 Jahre alte, abgestorbene Eiche, in die man sich sogar unterstellen kann. Da wir heute alles andere als schlechtes Wetter haben, lassen wir dieses Naturdenkmal nach ein paar Fotos stehen und treten wenige Schritte später wieder aus dem Wald heraus. An dieser Stelle erzählt uns Frau Welker, wie die Dörfer entstanden und wie sich darüber hinaus auch die Namen gebildet haben.
Wie die Dörfer zu ihren Namen kamen
Römer haben sich das damals keltisches Land zueigen gemacht und Kelten angestellt, niedrigere Verwaltungsarbeiten zu verrichten. Dank des Pax Romana war dies eine lange währende Zeit von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand . Übrigens: Gallo = Kelten. Nach den Römern kamen die Germanen, die weitaus rabiater waren und große Teile der Bevölkerung auslöschten. Durch die verlassene Gegend haben die Franken fruchtbare Ländereien namhaften Rittern für ihre Verdienste geschenkt – die dort gebauten Höre wurden zu den Siedlungsstellen der Dörfer. Jene Dörfer, die heute mit -ingen und -heim enden, waren die ersten in der Region. Als diese zu klein wurden, wurden weitere angebaut – heute mit den Endungen -weiler. Später kamen -bach und -furt hinzu. Leider gab es aufgrund der Pest eine große Landflucht, die viele Dörfer wüst werden ließen. Die restlichen noch verbliebenen Siedlungen sind unsere heutigen Dörfer im Bliesgau.
Es ist kein See und kein Tümpel – die Mardelle
Die nächsten Meter genießen wir wieder mal den atemberaubenden Ausblick auf die geschwungene Landschaft. Weit kommen wir allerdings nicht, denn schon tauchen wir wieder ein in den noch vom Laub übersäten Wald. Wir halten an einem Tümpel, in dem sich die darumstehenden Bäume wunderbar spiegeln. Dieser Tümpel ist, wie ich lerne, eine sogenannte Mardelle – möglicherweise entstanden durch eine Auswaschung des Kalkbodens und anschließendem Regenwasser, das sich darin sammelt. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, wie sich eine Mardelle bildet.

Eine Mardelle mitten im Wald
Kulinarisches aus der Region
Ich spüre, wie mein Magen langsam anfängt zu brummeln und schaue auf die Uhr. So viel frische Luft und Bewegung machen hungrig und es ist schon kurz vor eins. Versprochen wurde uns eine Mittagspause in einem Keltenhäuschen, zu dessem Weg wir uns jetzt machen – und es auch nicht mehr weit haben.
Erwartet hatte ich anhand des Namens ein älteres Häuschen – doch ich täuschte mich. Da die Kelten vorwiegen auch nur aus Holz bauten und dies natürlich nicht ewig hielt, war dieses neu und nach keltischer Tradition – aus Holz. An den langen Seiten war es offen und innen waren Tische aufgebaut, auf denen eine mit Bärlauch dekoriertes Holzplättchen mit regionalem Käse stand. Daneben zwei Einmachgläser, dessen Inhalt sich erst beim Essen offenbarte, da das Etikett fehlte: Selbstgemachtes Kirsch-Chutney und Blüten-Gelee – natürlich alles mit Produkten aus dem Bliesgau gezaubert. Außerhalb des Keltenhäuschens duftete es nach Würstchen, die natürlich sachgemäß auf einem ordentlichen Schwenker geschwenkt wurden (für Nicht-Saarländer: Das ist ein dreibeiniger Schwenkgrill). Wer mochte, konnte sich noch von den drei unterschiedlichen Suppen bedienen, von der mich die Süßkartoffelsuppe mit Kokosmilch am meisten anlachte.

Nicht mehr weit ist es zum Keltenhäuschen und zur Mittagspause.

Im Keltenhäuschen gibt´s Kulinarisches aus der Region.
Die Seele baumeln lassen, ein paar Fotos machen und gemütlich quatschen – so verbrachten wir die Mittagszeit bis zum Aufbruch. Das größte Stück war schon geschafft und jetzt geht es auch nur noch abwärts – zurück nach Altheim. Unterwegs nahm Frau Welker noch eine Frage entgegen, die sich um die Entstehung des Landschaftsbildes drehte.
Wie die Landschaft des Bliesgau entstand
Vor 250 Millionen Jahren war der Bliesgau eine riesige Senke. Sand lagerte sich Schicht für Schicht ab, woraus sich durch Druck und Temperatur Bundsandstein bildete. Meerwasser kam und so auch die Muscheltiere dessen Abdrücke wir noch heute und oft auch auf Steinen auf den Feldern, erkennen können. Nachdem das Meer ausgetrocknet war und durch den Bundsandstein auch Wasser floss und es teils auswusch, legten sich die Steine quer. Sehr eindrucksvoll sieht man das auch in Kirkel oder Luxemburg, wo ganze Felslabyrinthe so entstanden. Hier im Bliesgau entstanden durch die Schräglage dieser Steine unsere weiche, stufige Landschaft, die mal sanfte Hügeln schlägt und manchmal auch richtig steil werden kann.
Projekte und Geschichte aus dem Bliesgau
Es ist heiß. Ich ziehe mir mein Baumwolljäckchen aus und wandere im T-Shirt weiter. Kaum zu glauben, wie herrlich warm die Sonne heute ist, noch gestern fror ich bei fünf Grad im Nordsaarland. Wir erreichen Altheim, der Ort, von dem wir losgingen. Kurz nachdem wir die Bickenalb auf einer Brücke überquerten, erzählt und Frau Welker an einem Brunnen von dem deutsch-französischen Projekt, das nun Deutschland und Frankreich ermöglicht, Wasser zu beziehen. Etwas versteckt hinter der Dorfkirche liegt außerdem der Pirminiusgarten, zu dem wir nun gehen.
Über den den Garten des heiligen Pirminus
Die neu gestaltete Gartenanlage gilt als Hommage an das Lebenswerk des Heiligen Pirminius, des Gründers des Klosters Hornbach. Neun quadratische Beete stehen stellvertretend für die neun Klostergründungen des Heiligen, ein Rosenbogen symbolisiert das „Paradiesische“ in dessen Leben.

Eine Jakobsmuschel an der Kirche beim Pirminusgarten

Der Pirminusgarten
Krönender Abschluss: Selbstgebackene Kuchen
Die Sonne gibt wirklich alles und ich bin ganz froh darum, dass wir nach einer kurzen Verschnaufpause im Garten weiterziehen. Ziel: Das Landcafé in Altheim, wo wir mit selbstgebackenem Kuchen und frischen Kaffee verwöhnt werden sollen. Genau richtig, für meinen nach Zucker schreienden Körper.
Die Augen werden immer größer, als ich den Tisch mit den Kuchen sah: Rhabarber- und Apfelstreusel, ein Käsekuchen und eine Orangentorte standen dort. Natürlich schnappte ich mir ein Stück Torte – und teilte es mit meiner Tischnachbarin, um danach noch den Käsekuchen probieren zu können. Es schmeckt nicht nur herrlich, auch das Ambiente ist sehr herzlich und ich fühle mich pudelwohl mit den Menschen um mich herum.

Selbstgemachte Orangentorte aus nachhaltigem Orangenanbau.
Nach dem Kuchen komme ich nicht weg, sondern lausche den Geschichten der Landcafé Wirtin Frau Lambert. Meine Neugierde ließ mich noch etwas sitzen, bis sich die Runde nach und nach auflöste und die Tour offiziell für beendet erklärt wird. Auch ich bedanke mich bei allen herzlich und trete satt und mit neuem Wissen und Erlebnissen aus dem Landcafé. Schnell nehme noch einen tiefen, zufriedenen Atemzug, bevor es zum Auto geht, das gleich um die Ecke auf dem Parkplatz auf mich wartet.
Fazit
Natur zu erleben ist das eine – das andere ist, das Erlebnis mit Wissen anzureichern. Gerade das Wandern vor der Haustür empfinde ich dafür als unglaublich bereichernd dafür, doch auch regionenübergreifend bildet sich ein weitaus größeres und zusammengehöriges Bild aus Geschichte und Geologie. Als eine, die immer sagte, sie wolle einfach nur für sich den Wald und den Ausblick genießen war diese Wanderung eine kleine Offenbarung. Auch dank der hervorragenden Führung von Heike Welker, der beispielhaften Organisation des Saarpfalz-Tourismus und nicht zuletzt Dank des regionalen und selbstgemachten Essens, welches durch unsere Wirtin und Gastgeberin Frau Lambert einen persönlichen, authentischen und unterhaltsamen Rahmen bekommen hat machte diese Tour für mich unvergessen.
Wer noch wissen will, wo wir entlang sind, hat auf komoot Gelegenheit dazu, sich die Karte anzusehen:
Weitere Angebote in 2018
29. April: Wanderlust und Tafelfreude
26. Mai und 16. Juni: Kulinarische Wanderung
9. Juni: Ölwanderung
19. Mai: Leben und Arbeiten wie vor 100 Jahren
10. Juni und 1. Juli: Erlebnis Imkerei
Offenlegung: Ich wurde von der Saarpfalz-Touristik zu dieser Wanderung eingeladen. Selbstverständlich bleibt meine Meinung davon unberührt – schließlich lebt lebedraussen! von authentischer und ehrlicher Berichterstattung.