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Madeira-Trekking #5: von São Vicente nach Seixal

Die Inselquerung Madeiras von Ost nach West bringt mich heute an die Grenze des Belastbaren. Mein Handy-Akku steht auf 42 % und die Powerbank ist bereits leer. Mein Wasser ist knapp und es liegt die wohl schwierigste Strecke vor mir: rund 12 km mit 1.300 Hhm auf einem Weg mit Schwierigkeit eines T3. Abwärts.

Mein Trekking-Camp in Caramujo. Von hier aus gehts los.

Noch ist es dunkel als mich der Wecker weckt – so wie an jedem Tourentag, bisher. Ein wenig gruselt es mich angesichts des „Lost Place“ Caramujo, oberhalb von São Vicente, schon. Die Eingänge der Ruine liegen noch im tiefschwarzen Schatten und lassen keinen Einblick zu. Im Zelt packe ich zusammen, was ich schon zusammen packen kann, um dann bei der heller werdenden Dämmerung aus meiner Behausung herauszukrabbeln.

Lost Place in Caramujo

Es ist die letzte Etappe vor so etwas wie Zivilisation, denn hier habe ich weder Internet, noch Netz, keinen Zugang zu Wasser und natürlich auch keinen Strom. Letzteres lässt mich erschrecken: unbemerkt hat auch die Powerbank ihre Energie verbraucht, sodass ich nun mit 42 % Restakku Richtung Norden meine geplante Route nach Seixal finden muss.

Dass das Wasser hier knapp werden könnte, damit rechnete ich schon. Und wenn mich meine Planung nicht im Stich lässt, sollte es in ca. 3 km Trinkwasser geben. Der Rucksack ist geschultert und nach einer knappen Stunde gibt mir meine Intuition recht. Nachdem ich an einem Haus meine Wasservorräte aufstockte und dann selbst noch einen kräftigen Schluck nehme, gehts auch schon direkt weiter. Nicht, dass mir das Handy noch unterwegs versagt.

Mehrere Wanderwege führen oberhalb von São Vicente entlang.

Meine Route führt mich nun zum Pico Ruivo da Serra, ab dann bin ich auf mich allein gestellt, was heißt, dass es keinen ausgeschilderten Wanderweg mehr gibt. Der Blick von hier oben ist fantastisch, noch immer wandere ich über den Wolken und auch noch oberhalb der Baumgrenze.

Selfie am Pico
Noch immer über den Wolken.

Bei guten 1.600 Höhenmetern beginnt zunächst ein entspannter Abstieg. Gingsterbüsche sind aufgrund ihrer Stacheln lästige Pflanzen, die durch die lange Hose piksen. Doch der Ausblick in die Ferne ist grandios und durch die flachen Ebenen so unterschiedlich zu dem, was ich bislang sah. Schließlich endet der gemächliche Weg und die Karte zeigt an, dass nun der anspruchsvolle Teil der Wanderung kommt: der Abstieg auf dem T3.

Die höchste Stelle hier liegt bei 1.639 Hhm.
Diese flache Weite ist mir bislang auf Madeira noch nicht begegnet. Wunderschön!

Ich schnüre meinen linken Schuh nochmal fest, dann geht es den nun schmalen Weg hinab. Zu Beginn ist er nicht besonders schwierig und die Tage wuchs Kondition und Kraft so gut an, sodass ich die etlichen Stufen gut nehmen kann.

Es geht merklich runter: hier bin ich schon fast auf Wolkenhöhe zurück.

Auf ca. der halben Strecke schaltet sich plötzlich ein Gedanke ein: ich will endlich unten ankommen. Will Unter die Wolken kommen, Strom haben, mich einfach irgendwo hinlegen. Ich merke, wie dieser Gedanke versucht, sich in mich einzunisten, gar Angst machen möchte. Zu diesem Zeitpunkt gibt es kein Zurück mehr: ich kann nicht mehr hoch, ich kann nur noch runter. Zum ersten Mal auf dieser Trekking-Tour fange ich so richtig an zu beißen.

Eine kurze Wanderoase nach etlichen steilen Stufen.

Ich mache mir klar, dass dieser Abstieg machbar ist. Ich kann das, mental und auch physisch. Diese Grenzerfahrung ist es doch auch, die ich suche, denn nur so wächst man darüberhinaus. Stufe um Stufe, Schritt für Schritt komme ich meinem Ziel näher. Die Kraft beweist sich nicht nur mehr nur in den Beinen. Sie beweist sich im Kopf. Ich bemühe mich, diese einzigartige Landschaft wertzuschätzen und blicke auf die großen und kleinen Wunder, die ich hier erleben darf.

Auch diese Stufen lasse ich hinter mir.
Eine Levada mit ihren blauen wilden Hortensien kreuzt meinen Weg.

Plötzlich höre ich Wasser. Eine Levada ist es nicht, da sie eher ruhig vor sich hin ziehen. Das Wasser klingt nach einem Fluss, was bedeutet: ich bin unten! Und tatsächlich dauert es nicht mehr lang, bis ich ihn erreiche. Meine Beine zittern vor Anstrengung und nun merke ich stärker den je, wie sehr sich der Körper nach einer längeren Pause sehnt. Der Akku ist bei 35 % – das sollte bis zu meinem Zielort genügen. Endlich kann ich meine Schuhe ausziehen und etwas essen.

Eine nötige und willkommene Pause.

Gestärkt geht es nach 30 Minuten weiter. Ich schultere meinen Rucksack und gehe ein paar Meter in die Richtung, aus der ich kam. Doch dann verliert sich der Pfad, er ist einfach nicht da! „Du musst nach Norden, Bianca. Folge dem Wasser, irgendwie.“ Ich überquere eine schmale Ader, die vom Fluss abgeht, doch Fehlanzeige. Hier ist kein Weg. Doch dann, ein Glücksfall: aus dem Augenwinkel erkenne ich einen Wegweiser auf der anderen Flussseite. Und wo ein Schild, dort auch ein Weg! Ich finde eine geeignete Stelle, um nicht ganz so tief durch das Wasser zu müssen und erreiche schließlich das andere Ufer, kraxel dann noch über größere Steine und stehe am Schild. Ich hatte recht: hier ist ein Weg und er führt nach Norden!

Doch ich habe mich zu Früh gefreut: wenige Schritte weiter versperrt ein mannshoher Felsblock den Weg und ein Umgehen ist schlichtweg nicht möglich. Ich spüre, wie in mir leichte Verzweiflung hoch kommt und fühle mich zeitweise eingesperrt in dieser Wildnis. Aber es ist mein bisher einziger Weg. Ich muss es versuchen und vor allem einen kühlen Kopf bewahren. Den Felsblock mit Rucksack und Stöcken zu überwinden traue ich mir noch nicht zu und so lege ich erstmal alles ab. Das Drüberklettern ist einfacher als gedacht und die Hoffnung steigt umso mehr, als ich wenige Meter weiter, über einen weiteren, nun kleineren Felsblock, einen eindeutig erkennbaren Pfad entdecke.

All das reicht aus, um mir die letzte Verzweiflung zu nehmen. So schultere ich aufs Neue meinen Rucksack und klettere über den großen, dann über den kleineren Felsen. Geschafft. Ich bin erleichtert. Der letzte Kilometer zu meinem Camp ist nunmehr ein Spaziergang. Ich erreiche es schließlich und erfreue mich umso mehr darüber, nach über vier Tagen Trekking-Camps und Einsamkeit, wieder in der Zivilisation zu sein. Was für ein Abenteuer.

Das Nature Inn bei Seixal. Endlich da.

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