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Norwegische Wildnis: Eine 2-Tages Wanderung und ein Geständnis | #Fjordchallenge Tag 3+4

Mit verschlafenen Augen sehe ich in den Spiegel. Auf meinem zerknitterten Gesicht leuchtet eine rote Nase, die bei Fingerdruck kurz eine weiße Stelle schmückt, dann röter als zuvor erscheint. Der Gedanke daran, meine Sonnencreme wieder ausgepackt zu haben, überzeugt darüber, man brauche sie in Norwegen nicht, ärgert mich nun doch etwas. Dabei weiß ich nur zu gut, was Wasser und herrlicher Sonnenschein verursachen können – so wie auf der gestrigen Kajak-Challenge am Fjord. Ich gehe duschen und frühstücke mit den anderen Risgrøt (norwegisches Porridge) mit Apfelstückchen und Marmelade, das besonders stark machen soll. Das brauche ich auch, denn vor der heutigen Challenge habe ich sogar ein bisschen Angst: Für zwei Tage und eine Nacht gehen wir hinaus – Wandernd erleben wir die norwegische Wildnis.

Es geht los: jetzt gibt es kein Zurück

Ja, ich gestehe, ich habe Angst vor´m wandern. Das mag zunächst dämlich klingen, liegt aber in meiner Kindheit begründet: Über Jahre schleppten mich Lehrerinnen und Lehrer über etliche Kilometer durch die Prärie und immer litt ich nach kurzer Zeit über starke Rückenschmerzen, die niemanden kümmerten. Mit Wandern verknüpfte mein Gehirn seitdem stets mit Schmerzen und von daher gab es nichts, aber auch gar nichts, was ich daran gut fand. Doch dann gab es da diesen Traum von Norwegen, der Landschaft, der Einsamkeit, den Fjorden und den Seen. Wie sonst sollte ich das je erleben, wenn nicht wandernd?

Basis: Ferienhaus in Stongfjorden

Gesamter Wanderzeitraum: 22. und 23. August 2016
Norwegische Wanderkarte: Region Stongfjorden (Sommer Trails)

Erster Tag: Wanderung von Stongfjorden nach Liavikelva

  • Einstieg der Wanderung: Von Stongfjorden aus die 609 Richtung Lia fahren und den See Stongsvatnet rechts liegen lassen. Kurz darauf kommt der Einstieg: Eine Haltebucht auf der linken Seite.
  • Erste Besteigung: Ytrevågenfjell (667 m)
  • Zweite Besteigung: Toreheia (700 m)
  • Dritte Besteigung: Yndestadhøgeheia (610 m)

Dann einen Weg finden, entlang der vielen Seen Mangevatna

  • Vierte Besteigung: Blåfjellet (435 m)

Weiter über die geteerte Straße bei Grimelia, die nächste Rechts in die Sackgasse. Dann weiter den Wanderpfad nehmen, um nach Liavikelva zu kommen (an Steinmännchen orientieren!). Vorsicht: nur für trittsichere Wanderer.

Zweiter Tag: Wanderung von Liavikela auf den Høgeheia (450 m)

Am Fjord entlang führen Steinmännchen den Weg zum Fuße des Høgeheias.

  • Gelände ab Liavikela: Extrem unwegsam bis zum Fuße des Høgeheias, nur für sehr trittsichere Wanderer!
  • Gelände ab Høgeheia: Gut ausgetretener Wanderpfad führt bis zum Gipfel. Straße führt direkt an den Fuß des Berges.

Die Galgenfrist in Form des Frühstücks ist vorbei, wir packen unsere Sachen. Mein Herz klopft vor Aufregung; ich lasse mir aber nichts anmerken. Zumindest versuche ich es. Wie in Trance schnüre ich meine Schuhe, überprüfe ein letztes Mal meinen Rucksack, nehme noch eine Flasche Wasser heraus, denn ein halber Liter wird dank etlicher Quellen auf dem Weg genügen. Unten steht Alice mit dem Van, sie fährt uns ein Stück bis zu dem Platz, an dem wir den ersten Berg erklimmen. Wir steigen ein. Die Tür schließt sich, dann geht es los.

Da stehen wir nun: 6 Abenteurer in einer kleinen Haltebucht, von wo aus wir unsere Wanderung starten. „Setze einfach einen Schritt vor den anderen und vertraue auf deine Energie“, formen meine Lippen den Satz, ohne dass sie Laute von sich geben. „Du kannst jederzeit umdrehen, wenn es zu viel wird“, versuche ich mich zu beruhigen. Es ist 10:30 Uhr, strahlender Sonnenschein und vor uns gute 500 Höhenmeter, die wir in einer Stunde bewältigt haben wollen. Wir laufen los. Immer ein Schritt nach dem anderen.

Die Hände sind beim Wandern wichtig

Ich kann mich nicht erinnern, früher so oft die Hände zum Wandern benutzt zu haben. Der Aufstieg gestaltet sich sehr steil und wir lassen uns Zeit. Niemand soll gleich seine ganze Kraft verbrauchen, denn in erster Linie soll die Wanderung Spaß machen – für jeden. Wir packen die Herausforderung gut und werden für die erste Etappe mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Zeit, die geschmierten Brote zu verputzen und ein weiteres Mal in sich hinein zu horchen. „Alles in Ordnung!“ meldet mein Körper zurück und der Geist entspannt sich mehr und mehr. Eine große Dankbarkeit steigt in mir hoch. Ich genieße die Aussicht.

Auf dem Weg zum Ytrevågenfjell

Auf dem Weg zum Ytrevågenfjell

Das Gute-Laune-Team :)

Das Gute-Laune-Team 🙂

Noch 160 Höhenmeter bis zum Ytrevågenfjell und dazwischen auch mal der ein oder andere Trickgipfel: Man meint zwar, man sei angekommen, ist es aber nicht. Natur kann also auch ganz schön gemein sein, doch niemand ärgert sich. Warum auch. Wir haben alle gute Laune, sind fast schon euphorisiert über dieses Glück, diese Aussicht und den Geschichten der Trolle, die Timo uns erzählt. Dazu hält jeder erreichte Punkt eine neue Überraschung parat. Wir können uns nicht satt sehen; es ist fast unwirklich hier zu sein und das zu erleben.

Bergsee zum Ytrevågenfjell

Bergsee zum Ytrevågenfjell

Ankommen ist ein tolles Gefühl: auf dem Ytrevågenfjell

Auf dem Gipfel des Ytrevågenfjell und machen wir eine erste längere Pause: Die restlichen Brote werden ausgepackt, sogar Tomatensuppe haben wir dabei. Die Wärme der Suppe tut meinem Körper gut, dank der Porzellantassen inklusive meiner Hände. Hier oben weht der Wind auf mein nasses Shirt, später werde ich bereuen, nicht rechtzeitig meine Jacke angezogen zu haben. Zugegeben. Unsere Porzellantassen mögen unwirklich in dieser Gegend anmuten, doch irgendwie macht es den Augenblick auch besonders. Dann liege ich einfach da und lasse den Anblick der Fjorde, über meine Schuhspitzen hinweg, auf mich wirken. Ich fühle mich angekommen.

Auf dem Gipfel des Ytrevågenfjell

Auf dem Gipfel des Ytrevågenfjell

Diese Freiheit! | Foto: Simona instagram.com/simazo_

Diese Freiheit! | Foto: Simona instagram.com/simazo_

Nach unserer Pause geht es zügig bergab, bis zu unseren ersten Quelle. Wir füllen unsere Trinkflaschen auf. Wie einfach, sauber und natürlich alles sein kann. Wer denkt, er brauche Gold, Juwelen und teure Autos, hat den wahren Luxus des Lebens noch nicht erkannt. Lange halten wir uns nicht auf, denn wir wollen anschließend wieder hoch. Zügig laufen wir weiter, gespannt, was uns auf dem nächsten Berg erwartet.

Dieser Anblick. Diese Schönheit: auf dem Toreheia

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Wanderung uns noch schönere Ausblicke schenken könnte. Auf dem Gipfel des Toreheia überblicken wir im 360 Grad Winkel zwei Fjorde. Unter uns liegen kleinere und größere Bergseen, die so typisch hier sind. Ich lege meinen Rucksack neben das steinerne Gebilde ab, das mich an einen Kamin erinnert und könnte schreien. Schreien vor Glück. Und Tanzen. Dann nehme ich mir dann doch erst einen Kaffee, um dann herum zu rennen und ein Foto nach dem anderen zu schießen.

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Eine Stunde später: „Jetzt kommt eine Stelle, die wirklich sehr steil ist. Bitte macht keinen Unfug, sonst werde ich meines Lebens nicht mehr froh.“ Die Warnung Timos macht mir Angst. Was wird uns nur erwarten? Eine Klippe? Ein nicht rutschfester Hang? Bilder bauen sich vor meinem inneren Auge auf. „Du kannst immer noch umkehren, Bianca.“ flüstert es in mir – doch meinen eigenen Worten will ich nicht zuhören; natürlich geht es weiter – so weit, wie es eben geht.

Von Wollblumen und Nervenkitzel

Staunend sehe ich mir Blumen an, auf denen Wolle wächst. Als ich den Blick davon weg- und aufrichte halte ich die Luft an. Da ist keine Angst, sondern einfach nur diese unvergessliche Schönheit, die der Gletscher vor tausenden vor Jahren den Fjord zu dem hat werden lassen, was er heute ist. Fast ehrfürchtig blicke ich in die Tiefe des gut 600 Meter hohen Berges Yndestadhøgeheia und sehe Stongfjorden. Unser Ferienhäuschen, sogar den Van, mit dem uns Alice gefahren hat. Ich kann nicht anders und muss mich setzen – an den Rand des Abgrunds. Ich spüre mein Herz klopfen und in mir der Respekt vor der Höhe hoch kommen. Was, wenn jetzt ein Stück Stein bräche… Nervenkitzel.

Lustige Wollblumen | Foto: Simone von outzeit-blog.de

Lustige Wollblumen | Foto: Simone von outzeit-blog.de

Nervenkitzel über Stongfjorden

Nervenkitzel über Stongfjorden

Den Ausblick genießen | Foto: Rene instagram.com/renehonning

Den Ausblick genießen | Foto: Rene instagram.com/renehonning

Blick runter nach Stongfjorden

Blick runter nach Stongfjorden

Und das war erst der Anfang!

Entlang des Abgrundes führt uns der schmale Wanderpfad weiter den Berg entlang. Die Stimmung in unserer Gruppe ist unglaublich gut, allen geht es prächtig, einschließlich mir. Das Vertrauen in meine Fitness hat mich bis hier nicht im Stich gelassen und das macht mich überglücklich. Beherzt wandern wir bis zum nächsten Grad. Als wären die Überraschungen ob der Ausblicke nicht schon alle Highlights genug gewesen wären, eröffnet sich hier ein noch gewaltiger Anblick: Auf einem Platteau schauen wir auf etliche Seen, die von beiden Fjorden umrahmt und in saftigen Wiesen eingebettet sind. „Lasst uns versuchen, zwischen diesen Seen hindurch zu laufen!“ unterbricht Timo die Stille, die plötzlich einsetzte. „Wenn das klappt, wird das einzigartig.“

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Wasserquelle bei Mangevatna

Wasser auffüllen an der Quelle bei Mangevatna

Schaut mal das Herz! | Foto: Timo Peters bruderleichtfuss.com

Schaut mal das Herz! | Foto: Timo Peters bruderleichtfuss.com

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Etwas weiter unten können wir unsere Wasservorräte wieder an einer Quelle auffüllen. Hier und da pflücke ich immer mal wilde Blaubeeren, die herrlich süß schmecken und leicht im Mund zerplatzen, wenn man darauf beißt. Wir schaffen es tatsächlich zwischen den Seen hindurch zu laufen und treffen kurz darauf auf scheue Schafe, die uns aus weiter Entfernung misstrauisch beobachten.

Wir wandern zwischen den Seen hindurch

Wir wandern zwischen den Seen hindurch

Misstrauische, scheue Schafe :D

Misstrauische, scheue Schafe 😀

Entlang der Mangevatna (viele Seen) laufen wir auf eine kleine Brücke zu, dessen zweispuriges Mauerwerk wohl hauptsächlich für den Farmer und seinem Van dient. Wenig später, ich vermag kaum mehr die Zeit, die wir laufen, einschätzen zu können, erreichen wir einen kleinen See, der einlädt, unsere Füße darin zu kühlen.

Brücke bei Mangevatna nach Blafjellet

Brücke zwischen Mangevatna und Blafjellet

Brücke zwischen Mangevatna und Blafjellet

Ein kleines Stückchen noch und wir erreichen den Blåfjellet, der tatsächlich in unmittelbarer Nähe zu unserem kleinen See liegt und nur noch einen kleinen Aufstieg bedeutete. Gut vor Wind und Wetter geschützt, finden wir, wie schon auf dem Ytrevågenfjell und dem Toreheia, das Gipfelbuch in das wir uns verewigen. Nur kurz genießen wir den Augenblick dort oben, dann beginnt der Abstieg durch teils moosigem Gelände.

Der Weg, der keiner ist, führt uns mitten durch die norwegische Wildnis. Wir müssen sehr aufmerksam sein und den Boden lesen: manchmal sieht man einen Pfad, erkennbar durch verdrückte Grashalme. Die meiste Zeit sieht man aber nichts. Da laufen wir nun, über uns die Nachmittagssonne, unter uns teils Stein, teils Moos, teils Gräser, die tief im Wasser stecken. Plötzlich höre ich hinter mir ein kurzes Aufschreien: Simone ist gestürzt und macht ein schmerzverzerrtes Gesicht. Bitte nicht, bitte keine Verletzte, nicht hier draußen! Kurz bleibt sie sitzen und sammelt sich. Dann setzt sie tapfer den gesunden Fuß auf und tritt vorsichtig mit dem anderen auf. Auweia, das sieht nicht gut aus – doch sie kämpft sich weiter den Berg hinab. Nach einer Weile sieht es aus, als würde der Schmerz verschwinden. Wir hoffen alle, dass es so ist.

Gerade stehen wir da und wissen nicht, wohin wir gehen können – hier scheint alles unter Wasser zu stehen. Der kleine Pfad zuvor führte uns hinab an den Rand des Hügels, der aber unter Wasser zu stehen scheint. Wir gehen ein Stück hoch. Da ist es steiler aber auch trockener. Simone humpelt schon nicht mehr und wir machen alle drei Kreuze – sie sicherlich noch mehr. Dann kommen wir an einen Weg – einen sehr breiten Weg. „Hier fuhren mal LKWs weil sie Kupfer gefunden haben.“ erklärt Timo. „Doch es war zu wenig, als dass sich weitere Ausgrabungen gelohnt hätten.“ Ich juble innerlich, nicht auszudenken was die Natur hier hätte ertragen müssen, wenn noch mehr gebaggert wäre. Nach all dem, was wir am heutigen Tag gesehen haben, kommt mir dieser Ort wie ein Kriegsschauplatz vor und ich bevorzuge ein schnelles Durchgehen. Am Ende des Weges sehen wir plötzlich Häuser und eine geteerte Straße. Zivilisation. Das Gefühl von festem Boden, fühlt sich sehr seltsam an. Ich wünsche mich zurück ins Gras.

Warum ausgerechnet jetzt meine Nase anfängt zu laufen, verstehe ich nicht. Ist es etwas Allergisches? Hatte ich aber noch nie. Ständig dieses Naseputzen. Nerv. Wir gehen den geteerten Weg ein kurzes Stück geradeaus, um ihm dann rechts entlang in Richtung Sackgasse zu folgen. Schon bald berühren meine Füße das liebgewonnene Gefühl von Gras und Moos – herrlich. Die ersten Steinmännchen begegnen uns: teils lustige Skulpturen, die Wanderer mit großen und kleinen Steinen zusammenbauten. Sie weisen uns den Weg zu unserer Unterkunft, die man nur über den Fjord oder über einen 45-minütigen Fußmarsch erreichen kann. Ich bin sehr gespannt, was uns dort erwartet.

Ein verlassenes Haus am Fjord – seit über 30 Jahren

„Beinahe wäre die Fjordchallenge gestern gestorben.“ teilt uns Timo auf dem Weg nach Liavikelva mit. Wir schauen ihn fragend an, innerlich dankend, dass es nur „beinahe“ passierte. Wir wussten ja, dass er gestern Abend noch schnell zur Unterkunft ging, um ein paar Sachen für unsere heutige Nacht dort, hinzufahren. Dabei sei er kurz vor der Ankunft, beinahe in einen alten Stacheldraht gelaufen, der in Kopfhöhe angebracht ist. Glücklicherweise hat ihn Alice mit einem beherzten Eingreifen davor gewarnt, sich zu verletzen. Nicht auszudenken, was da alles hätte passieren können… Ist aber nicht. Und wir sind nun gewarnt. Wir folgen den Steinmännchen, überqueren einen Bach, klettern einen kleinen Hügel hinauf und laufen geradewegs auf Liavikelva zu.

Haus Liavikelva

Unsere Unterkunft: Haus Liavikelva

Haus Liavikelva

Bootshaus am Fjord von Liavikelva | Foto: Rene instagram.com/renehonning

Haus Liavikelva

Foto: Rene instagram.com/renehonning

Zum wiederholten Male schnäuze ich in mein Taschentuch. Was das wohl ist… Wir haben unsere Unterkunft erreicht und stehen mitten in der Stube. Seit über dreißig Jahren wohnt hier niemand mehr, doch es schein alles fast unberührt: in einer Ecke steht ein geschwungenes Sofa, daneben ein alter, dunkler Holzschreibtisch und an der Tür ein Schaukelstuhl. Das Zimmer nebenan ist blau angestrichen, offensichtlich kümmert man sich um den Erhalt der kleinen Oase. Die Küche hat auch einen Kühlschrank, doch fließend Wasser sucht man hier vergeblich. Ich gehe die Treppe hoch und sehe mich unter dem Dach um: Alte, verstaubte Bücher liegen hier und das Zimmer beherbergt einen in die Jahre gekommenen Küchenschrank, der aufgehübscht, sicher gut in einer Wohnung Platz finden würde. Alte Vinylplatten stapeln sich im kleinen Flur nebenan und ich frage mich, ob Norweger landestypische Musik haben. Ich gehe wieder runter, denn wir machen uns für das Abendessen fertig.

Die Ortswahl für das Essen ist schnell gefallen: Am Fjord wollen wir den Eintopf aufwärmen, den uns Timo und Alice vorbereitet haben. Während wir noch rätseln, wie ein Topf auf einer Feuerstelle genügend Hitze bekommen könnte, löst Severin als erfahrener Festivalsgänger das Problem. Wenige Minuten später halte ich meinen heißen Gemüseeintopf in einer Porzellanschüssel, die wir eigens aus Stongfjorden importiert haben. Der Eintopf ist grandios und ich merke, wie gut er meinem Körper tut. Satt und sehr zufrieden sehen wir zu, wie sich die Sonne glutrot hinter einem Felsen schlafen legt. Ein wenig sitzen wir noch um das Feuer, dann machen wir uns auf den Weg zurück zu Hütte. Kurze Zeit später falle ich in einen unruhigen Schlaf.

Fjord von Liavikelva

Grillen am Fjord von Liavikelva

Am 2. Tag zum Høgeheia: Und jetzt erst recht!

Mit Halsschmerzen wache ich aus einer kurzen Nacht auf. Den Kampf mit meiner verstopften Nase habe ich verloren, offensichtlich ist es keine Allergie. Mist. Ich bleibe einfach liegen und versuche noch etwas zu dösen, als langsam die anderen wach werden. Gerädert setze ich mich auf die Liegecouch, die ich mir für die Nacht aussuchte und versuche mich zu sortieren. Mein Kopf kreist, ich reibe mir die Augen und freue mich auf eine baldige, heiße Tasse Kaffee.

Frühstück am Fjord von Liavikelva

Frühstück am Fjord von Liavikelva

Unser Frühstück wird uns in einer Plastik-Colaflasche gereicht. Der Anblick  ist ungewöhnlich, doch sie erfüllt ihren Zweck: 1,5 Liter leckeren Pfannkuchenteig ist darin aufbewahrt, der nun über dem Gaskocher und einer Pfanne goldbraun ausgebacken wird. Also eigentlich backe ich ihn aus und lasse die anderen essen. So wirklich will noch kein Appetit in mir aufsteigen – doch ich zwinge mich letztendlich doch dazu, einen Happen zu mir zu nehmen. Unsere Challenge heute: eine Tageswanderung auf den Høgeheia.

Pfannkochen vom Gaskocher

Pfannkochen vom Gaskocher | Foto: bruderleichtfuss.com

Norwegische Steinmännchen

Wenn wir bis jetzt dachten, das gestrige Gelände war schon eine Herausforderung, dann erleben wir gerade, was Herausforderung wirklich in der norwegischen Wildnis bedeutet. Und dabei haben wir noch Hochsommer. Fakt ist: wir haben keinen Schimmer, wo hier ein Weg entlang führt und kennen nur die Richtung. Lediglich ein paar Steinmännchen weisen uns immer wieder auf Wegpunkte hin, die begehbar sind. Immer wieder bleiben wir stehen, um uns zu orientieren; manchmal nehmen wir selbst Steine mit und bauen neue auf oder kleinere größer. Was für ein Spaß; ich fühle mich klein und wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt 🙂

Sanft stapfen wir durch vermooste Natur.
Der Norweger nennt es på tur.
Den Blink auf die Füße runter,
immer weiter, immer munter.

Ich wage einen Blick in den Himmel und sehe einen riesigen Vogel am Hang fliegen. Seine weißen Schwanzfedern sind ein echter Hingucker und seine Größe ist enorm. „Das ist ein Steinadler“ benennt Timo seine Art und ich bin begeistert, hier und jetzt ein solches Exemplar in freier Natur zu sehen.

Immer wieder machen wir eine kleine Pause, setzen uns, verjagen diese Minifliegen oder viel mehr: sie uns. Unser Mission lautet, immer am Wasser entlang zu gehen – was ob der Hindernisse nicht immer leicht ist: verwässertes Moos, breitere Bachläufe und große Steine säumen den Weg, den wir vorsichtig entlang gehen. Dann stürze ich.

„Alles ok!“ Ich bin zwar blöd gefallen, doch nichts ist passiert. Nochmal Glück gehabt. Wir laufen weiter, diesmal geht es einen Hang steil hinunter und der Boden wird fester. Wir erblicken ein paar farbige Boote am Wasser und ein rotes Haus mit einem Auto davor. Es ist geschafft: Wir haben den Fuß des Høgeheias erreicht.

Hier entlang!

Hier entlang!

Ein paar Meter den Berg hoch, füllen wir unsere Wasserflaschen an einem Rinnsal auf. Das Wasser ist nicht sehr üppig hier und ich muss meine Porzellantasse nehmen, um überhaupt etwas Wasser in meine Flasche zu kriegen. Die Pause tut mir gut und irgendwie auch nicht: nassgeschwitzt bis auf die Unterbuchs, fange ich jetzt an zu frieren. Als einzige. Kein gutes Zeichen.

„Jetzt bloß nicht schlapp machen Bianca, nicht jetzt, wo du gerade dabei bist, dir einen lang gehegten Traum zu erfüllen!“ Ich ärgere mich sehr über mich selbst und das spornt mich irgendwie an. Schnell bin ich zwar nicht, doch ich komme vorwärts, trotz, dass mir das Atmen schwer fällt. Dass ich angeschlagen bin, merke ich heute sehr deutlich. Doch da gehe ich jetzt durch, egal was kommt. Manche von uns laufen schneller vor, unsere Gruppe teilt sich etwas, was dank eines eingelaufenen Pfades aber nicht schlimm ist. Sich hier zu verlieren ist kaum möglich und so genießen wir langsameren, einmal öfter die Aussicht beim Aufstieg.

hogeheia-gipfel-team hogeheia-timo

Gipfel des Høgeheias

Auf dem Gipfel des Høgeheias

Bei leicht bedecktem Himmel blicken wir auf dem Høgeheia auf das Meer hinaus. Die von uns mitgebrachten Brote schmecken köstlich; meins habe ich schnell verputzt. Dann erweist uns die Sonne eine letzte Ehre und lässt das Wasser zu uns hinauf schimmern. Ein Bilderbuchanblick. Wir machen unser obligatorische Gruppenfoto 😀

Høgeheia: Geschafft!

Høgeheia: Geschafft!

Von den drei Möglichkeiten, wie wir von hier aus die Tour weiter gehen, entscheidet sich unsere Gruppe, zurückzugehen und uns abholen zu lassen. Zunächst etwas enttäuscht, doch in Anbetracht schwindender Wasservorräte und meiner körperlichen Verfassung, die vernünftige Alternative. Wir haben Kraft getankt; der Abstieg beginnt bei freundlichem Sonnenschein.

Schneller als erwartet kommen wir wieder am Fuß des Høgeheias und am Wendehammer an und warten. Ich muss mich setzen, die Nummer hat mir doch zu schaffen gemacht. Alice holt uns kurz darauf mit dem VW Bus ab und ich fange an zu träumen: Von einem leckeren Abendessen und vor allem von einer richtig, heißen Dusche.


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  1. Biken: Inselhopping von Stongfjorden nach Askvoll, über Vaerlandet nach Bulandet und wieder zurück
  2. Kajak fahren am Fjord mit einer tollen Überraschung
  3. 2-Tages Wanderung durch die norwegische Wildnis
  4. Segeltörn am Fjord bei typisch norwegischem Regenwetter
  5. Angeln in Stongforden mit anschließender Abschiedsparty

Worum geht es bei der Fjordchallenge?

Timo Peters aka bruderleichtfuss.com hat uns für eine Woche zu sich nach Norwegen, in das beschauliche Städtchen Stongfjorden eingeladen. Fünf Abenteurer, die sich vorher nicht kannten, nahmen die Einladung an und besuchten ihn vom 19. bis 26. August 2016. Täglich wurde eine andere Outdoor-Aktivität unternommen, was uns einen vielfältigen Einblick in die norwegische Natur bescherte. Lest hier die Ankündigung zur Fjordchallenge.

Trekking und Wandern in Norwegen

6 Kommentare
  1. 22. Oktober 2016
    • 22. Oktober 2016
  2. 19. August 2017
    • 22. August 2017
  3. 21. Juni 2022
    • 23. Juni 2022

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