Wenn ich beim Trekking eins gelernt habe, dann dass man das Ungeplante einplanen muss. Sehr unangenehm wird es, wenn es die Gesundheit betrifft: Einen Kilometer vor dem Ziel bekomme ich Schluckbeschwerden und merke, wie meine Augen anschwellen. Das Angioödem meldet sich wieder, weshalb ich vor ein paar Wochen ins Krankenhaus musste. Blöd nur, wenn das bei 1.800 Hhm passiert und es neben dir steil abwärts geht.
Aber von vorn. Nachdem ich gestern Abbruchgedanken hatte, sind heute Übelkeit und Kopfschmerzen wie weggeblasen. Nicht mal Muskelkater plagt mich, was angesichts der Höhenmeter und des Gepäcks verwundert. Aber nicht wundern, sondern lieber freuen, dass der Sport die letzten Monate nicht umsonst war, trotz Zwangspause.
Ich checke die Route: Rund 12 km sind geplant, ausgehend von Riveiro Frio über den Pico do Areeiro zum Pico Ruivo. Nun ist bei mir der Tourenanfang gern mal holprig, so auch diesmal: Das gps springt (komoot Navi). Da kommt mir der alte Förster gerade recht, den ich mit meinem bisschen Portugiesisch nach dem Weg frage. Nun, kurz gesagt, da gibt es nur die asphaltierte Straße zum Pico do Areeiro, das alleine sind schon 19 km. Dann die 6 km zum Pico do Ruivo, die Stufen rauf und runter und mit DEM Rucksack! Hätte noch gefehlt, dass er mir den Vogel zeigt 😂 Ich verabschiede mich höflich und suche weiter den Einstieg.
Und tatsächlich, da ist „was“. Viel Gebüsch, jaaa – aber auch ein Pfad. Tschakka, rein da – und wenige Minuten später wieder raus da. Ohne Buschmachete nicht machbar. Ich frage einen Souvenirvefkäufer, ob er wisse, was ein Taxi zum Pico do Areeiro kostet. „Quarenta Euros!“ (vierzig Euro). Ich verabschiede mich höflich. Der Busfahrplan sieht leider nicht mein Ziel vor – jetzt hilft nur noch mein Ass im Ärmel, mein Retter in der Not, der beste Taxifahrer der Welt: Francesco. Long Story short: nach einem gemütlichen Café com leite (Milchkaffee) und 15 Minuten Taxifahrt (sehr viel günstiger als 40 EUR) später, landete ich glückselig auf dem Pico do Arreiro. Es kann losgehen!
Nachdem ich schon so viel über den Wanderweg PR1 im Netz an Bildern sah und das Wetter, bis auf die Hitze, zu 100 % mitspielt, grinse ich beim Loswandern wie ein kleines Kind. Und ich falle auf wie ein Alien mit diesem Rucksack. Doch das ist egal, die 6 km schaff ich doch. Locker. Haha.
Es erstaunt mich zwischendurch selbst, was dieser nun doch schon 43 Jahre alte Körper noch drauf hat. Es gibt weitaus Jüngere, die nach Luft ringen. Nachdem ich zu Beginn solche Sorgen hatte, ob ich die Inselquerung gesundheitlich schaffe, scheint es doch ganz gut zu klappen. Dennoch spüre ich, dass die Hitze doch eins draufsetzt… Am letzten Kilometer vor dem Ziel fangen die Schluckbeschwerden an. Meine Augenlider werden zudem dick und ich spüre nun ganz genau in mich hinein. Ein schattiges Plätzchen nutze ich und lege den Rucksack langsam ab, sodass man noch ungefährlich an mir vorbei kommt. Ganz oben aus meinem Fach hole ich mein Erste-Hilfe-Set heraus, wo ich meine Tabletten für solche Notfälle verstaut habe. Ich nehme gleich zwei, wie mir die Ärztin riet, und mache erstmal lange Pause.
„Wird es besser?“ Weiß nicht. „Wird es schlimmer?“ Nein. „Was sagt die Energie? Kopf? Körper?“ Ich frage alles an mir ab. Nur einen Kilometer noch und vermutlich habe ich das Schlimmste sowieso schon geschafft. Ich setze mir Pläne: Plan A ist, mit Rucksack den restlichen Weg zu gehen. Plan B ist, den Rucksack liegen zu lassen und ggf jemanden zu fragen, ob er ihn tragen könnte. Plan C ist, jemanden um Hilfe bitten, notfalls einen Arzt zu rufen. Doch so schlimm fühlt es sich nicht an. Ich esse langsam einen Riegel und lasse die Tabletten eine halbe Stunde wirken. Dann stehe ich auf, checke den Kreislauf. Alles gut. Der Rucksack ist kurz darauf wieder auf dem Rücken und ich ziehe los. Klopfe die Fragen weiter ab und genieße sogar die Aussicht. Dann endlich: ich bin am Casa do Pico Ruivo und finde ein schattiges Plätzchen direkt am Wasserhahn. Leute kommen und gehen. Ich sitze da, bis alle weg sind. Dann fülle ich Wasser nach und nehme die letzten 190 Meter zu meinem Schlafplatz.
Endlich, geschafft. Noch nie verlangten mir 6 km dermaßen viel ab. Doch die Mühe war es allemal Wert. Ich habe noch nie über den Wolken geschlafen. Es ist wie im Himmel, nur besser.
Madeira…. 🖖😘
Jaaa 😍🤩👍
Wow so interessant! Ich liebe ja Portugal. Ich war letztes Jahr auf dem portugiesischen Jakobsweg pilgern. Lg, Meike